Aufsatz 
Einige Bemerkungen über den moralischen Charakter des römischen Geschichtsschreibers Caius Sallustius Crispus / Johann Friedrich Roos
Entstehung
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fallen, und zu den hoͤchſten Aemtern im Staate, ſogar zwey⸗ mal zum Conſulate, von ihnen erhoben zu werden, geradehin allen hiſtoriſchen Glauben abſprechen wollte. Kurz, gegen den Vorwurf, daß Salluſt, als Propraͤtor von Numidien, ſich durch ſeine Habſucht und Erpreſſungen in der Provinz ver⸗ haßt und zu Rom veraͤchtlich gemacht habe, laͤßt er ſich mei⸗ ner Meynung nach ſo leicht nicht rechtfertigen, was auch ſchon der vortrefliche Wieland, der doch die eben citirte, uͤber die⸗ ſen Punct am meiſten entſcheidende, Stelle uͤberſehen zu ha⸗ ben ſcheint, in den oben von mir angefuͤhrten Worren ſehr deutlich zugegeben hat. Wie waͤre es ohne das auch moͤglich geweſen, daß ein Mann, wie Salluſt, deſſen Vorfahren in der Sabiniſchen Municipalſtadt Amiternum in einer gaͤnzli⸗ chen Obſcuritaͤt lebten, auf einmal in den Beſitz ſo unermeß⸗ licher Reichthuͤmer gekommen waͤre? Denn daß ſie das wirklich waren, davon zeugen auſſer andern anſehnlichen Guͤtern, die er nach ſeiner Statthalterſchaft ankaufte, die ſchoͤne Villa Ti⸗ burtina, und beſonders die praͤchtigen Salluſtianiſchen Gaͤr⸗ ten, in welchen, als ſen ahbe an die Roͤmiſchen Kaiſer ge⸗ kommen waren, Veſpaſtan ſeine ſpaͤtern Tage groͤſtentheils und am liebſten verlebte, und die noch im dritten Jahrhunderte der Lieblingsaufenthalt eines Alexander Severus und Aurelian's waren. 2 2

Eben dieſe Stelle des Dio lehrt uns zugleich, daß ſchon die Zeitgenoſſen des Salluſt ein ſolches Betragen bey ihm doppelt verabſcheuten, weil es mit der ſtrengen Moral, die uͤberall in ſeinen Schriften auf das nachdruͤcklichſte empfohlen wird, in einem ſo auffallenden Widerſpruche ſtand. Wenig⸗ ſtens war es Dio Kaſſius nicht allein, der ſo urtheilte, ſon⸗ dern alle diefenigen, welche Gelegenheit fanden, die Schwaͤ⸗ chen und Blöſſen, die er als Menſch gab, zu beruhren.

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