Aufsatz 
Über den wahren Wert des Lehrgedichtes / Christian Wilhelm Snell
Entstehung
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nicht wahre Empfindungen enthalte, hat unſer Schriftſteller mit aller ſeiner Beredſamkeit noch lange nicht bewieſeu. Ja er bleibt ſogar ſeinen eigenen Behauptungen nicht treu; denn in ſeinem groͤſern Werk, wo er von dem Urſprung der lyriſchen Poeſie handelt, ſagt er: der erſte Ausruf des neu erſchaffenen Men⸗ ſchen war ein lyriſcher Ausdruk(das war doch gewis nicht Nach⸗ ahmung!) und gleich darauf macht er Bewundrung und Dank⸗ barkeit als wahre Empfindungen des Herzens, zu Quellen der Loboden auf Goͤtter und auf Helden. Iſt es alſo nicht höchſt unbillig, daß unſer Kunſtrichter einem Grundſaz, deſſen Unzu⸗ laͤnglichkeit ſich ſchon bei der Ode ſo deutlich zeiget, die ganze didaktiſche Poeſte aufopfert? Und doch widerlegt er die, welche Maſchinendichtung oder Begeiſterung fuͤr das Weſentliche der Poeſie ausgeben, dadurch, daß er beweiſet, daß dieſe angebli⸗ chen Grundſäze nicht alle vom Geſchmak und Sprachgebrauch fur wahre Gedichte anerkannte Werte unter ſich faſſen. Hat denn der ſonſt ſcharfſichtige Mann gar nicht ſehen wollen, daß er ſich gleicher Uebereilung ſchuldig machte?

Hierdurch waͤre alſo der wichtigſte Einwurf gehoben. Fin⸗ det ſich das Prinzipium der Nachahmung falſch; ſo faͤllt alles weg, was man aus demſelben ſolgerte. Geſezt alſo, es waͤre noch kein bequemerer Grundſaz erfunden, ſo behaͤlt indeſſen der Geſchmat ſein ſo altes Recht, allein zu beſtimmen, was wahre Poeſie ſey, und das Lehrgedicht bleibt in dem Beſit ſeiner bishe⸗ rigen Wuͤrde ungeſtört. Doch haben wir nicht einen Grund⸗ ſaz, welcher uͤber alle Einwendungen erhaben iſt? dieſes wollt ich nicht ſagen, ſondern welcher zum wenigſten die didak⸗ tiſche und lyriſche eben ſo wohl als andere Dichtungsarten unter ſich begreifet? Iſt die Poeſie eine vollkommene ſinnliche Rede, oder der ſinnlichſte Ausdruk des Schoͤnen und des Guten durch die Rede, oder eine Rede, die den hoͤchſten Grad der ſinnlichen Kraft hat(welches alles im Grund auf eines hinauslauft)