Aufsatz 
Über den wahren Wert des Lehrgedichtes / Christian Wilhelm Snell
Entstehung
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12.

das Lehrgedicht von der Poeſie aus, ſo laut ihm auch das uͤber⸗ einſtimmende Zeugnis ſo vieler Jahrhunderte, wodurch das dich⸗ teriſche Anſehen der didaktiſchen Werte eines Virgils, eines Horaz u. a. m. genugſam befeſtiget iſt, widerſpricht. Und fra⸗ get man nun nach dem Grunde dieſer wunderlichen Meinung, ſo findet ſich davon keine andere Urſache, als weil es ihm ge⸗ faͤllig geweſen, mit dem Ariſtoteles anzunehmen, daß das We⸗ ſen der Poeſie in Erdichtungen und Nachahmungen beſtehe. Woher kommt doch dieſe blinde Hochachtung mancher Kunſt⸗ richter gegen die Alten? Soll denn die Autoritaͤt des Ariſtote⸗ les ſtatt alles Beweiſes dienen? Doch zur Sache!

Der erſte Fehler unſers Autors iſt die willkuͤhrliche, ſich ſelbſt widerſprechende Erklaͤrung, die er von dem Lehrgedichte giebt. Er nennt es eine Reihe von Lehren, die unverſtekt und ohne alle Erdichtung vorgetragen ſind. Man leſe doch Virgils Gedicht vom Landbau und Hallers Urſprung des Uebels, und ſage dann, ob darin die Lehren unverſteckt und ohne alle Er⸗ dichtung vorgetragen ſeyen. Und haͤtte ein ſolches Werk auch weiter nichts dichteriſches als die Poeſie der Schreibart, die er ihm doch ſelbſt zuſpricht; ſo wuͤrde man die Wahrheit ſchon nicht mehr unverſtekt darin finden. Denn daß dieſe Poeſie der Schreib⸗ art mehr als Reim und Silbenmaas ſey, dörfen Maͤnner, wie Batteur, nicht erſt von uns lernen. Aber wer ſieht nicht, daß er blos deswegen einen ſo niedrigen Begriff von dem lehrenden Gedicht zum Grund legt, damit er daſſelbe deſto leichter ſaus dem Heiligthum der Poeſie ausſchlieſen koͤnne? Ahme die ſchoͤne Natur nach; dieſes iſt allerdings ein ſehr wichtiger, aber nicht der höchſte Grundſaz der Peeft, weil er nicht alle von dem guten Geſchmak fuͤr wahre Gedichte anerkannte Werke unter ſich begreift. Wenn man auch auf die lehrende Poeſie vorerſt nicht Ruͤckſicht nehmen wollte; ſo koͤnte die Ode ſchon allein die Un⸗ zulaͤnglichkeit deſſelben beweiſen: denn daß deſe nachge h

nicht