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Das(ehrgedicht, ſagt unſer Kunſtrichter, hat blos das Wahre zum Gegenſtand. Es traͤgt eine Reihe von Lehren unver⸗ ſtekt und ohne alle Erdichtung vor; es iſt Wahrheit in Verſe ge⸗ bracht, und hat alſo nichts poetiſches als die Schreibart. Nur dieienigen Stellen, wo Erdichtung herrſcht, z. B. Virgiles Fa⸗ bel von Orpheus und Eurydice, gehoͤren der Dichtkunſt an: das ubrige iſt bloſe Verkleidung, Vermiſchung aus Poeſie und Pro⸗ ſe, ſo wie der Roman, welcher poetiſche Dichtung in proſaiſcher Schreibart vortraͤgt. Auf dergleichen Kinder des Eigenſinns aber darf man bei Erklaͤrungen nicht achten und ihre Ausnahmen deeſene den Grundſäzen keinen Eintrag thun. Ich antworte ierauf:
Allgemeine Grundſaze und Definitionen koͤnnen nur durch aufmerkſame Betrachtung aller Arten und Individuen, die un⸗ ter einen allgemeinen Begriff gebracht werden ſollen, und durch genaue Abſonderung desienigen, worin ſie bei aller uͤbrigen Ver⸗ ſchiedenheit mit einander uͤbereinkommen„ erfunden werden. Wer aber, ohne ſich nach dem Sprachgebrauch und den einmahl all⸗ gemein angenommenen Begriffen zu richten, aus bloſem Wohl⸗ gefallen oder aus Vorurtheil, Prinzipien und Ertlaͤrungen als ausgemacht annimmt, und nun alles was nicht darunter paſ⸗ ſen will, in andere Faͤcher verweiſt, verfährt der philoſophiſch? Welche babyloniſche Verwirrung wurde auf der Welt eneſtehen, wenn ieder Menſch, nach Belieben, dergleichen eigenmaͤchtige Muſterungen vornehmen wollte!— Die Anwendung iſt leicht zu machen. Was Poeſie ſey, hatte der gure Geſchmat enr⸗ ſchieden(und ihm allein kommt dieſe Entſcheidung zu) ehe man noch uͤber Prinzipien und Regeln dor Dichtkunſt nachdachte.
Wollte man alſo einen allgemeinen Grundſaz der Poeſie feſtſezen; ſo muſte derſelbe norhwendig alle von dem guten Geſchmatk aw erkannte Werke nnter ſich begreifen: keine Ausnahme, finder hier Statt. Dieſes hat aber Datrenf nicht bedacht. Er ſchlieſt
das


