Aufsatz 
Über den wahren Wert des Lehrgedichtes / Christian Wilhelm Snell
Entstehung
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unterhaltend und intereſſant zu machen. Zu ſeinen Gemälden, Schilderungen und Epiſoden nimmt er nicht blos aus der wirk⸗ lichen, ſondern auch aus der poetiſchen Welt Stoff her: nur muß er bei dem Gebrauch der alten Fabellehre das iedem neuern Dichter von dem guten Geſchmat vorgeſchriebene Geſez der aͤuſ⸗ ferſten Behutſamkeit beobachten. Zu Zeiten, wo es die Ma⸗ terie erlaubt, bricht er in pathetiſche Ermahnungen, Beſtra⸗ fungen oder Warnungen aus. Zuweilen uͤberlaͤſt er ſich ganz ſeiner Empfindung und ſchwinget ſich in lyriſche Höhen auf, aus welchen er aber doch bald wieder in ſeine eigene Sphaͤre zuruͤk kommt. Ueberhaupt findet ſich, wie in vielen andern Stuͤkken, fo beſonders in Anſehung des Tones, zwiſchen dem Lehrgedicht und der Epopoͤe groſe Aehnlichkeit. Der didaktiſche Dichter redet wie der Schoͤpfer des Heldengedichtes, iene ſtar⸗ ke, feierliche, zuweilen etwas enchuſiaſtiſche, ſo gewis zum Her⸗ zen dringende Sprache, welche beweiſet, daß er ſelbſt von ſei⸗ nem Gegenſtand lebhaft geruͤhrt iſt. Im Gebrauch kuͤhner Wen⸗ dungen und Tropen, ſpoetiſcher Figuren und Beiwoͤrter, und anderer Verzierungen der Schreibart, kennt er kein anderes Ge⸗ ſez der Maͤſigkeit, als das iedem wahren Dichter heilige Geſez, das Kolorit nach der Beſchaffenheit der Gegenſtaͤnde abzumeſſen, und dasienige, was ſchon an ſich edel und erhaben genug iſt, nicht durch überhaͤuften Schmuk zu eutſtellen.

Die Wahrheit zu entdekken und ſolche dem Verſtand in ihrer eigenen Geſtalt zu ſeiner Uleberzeugung vorzuſtellen, das iſt das Werk der Philoſophie. Allein wie ſelten, wie ſchwach wirkt kalte Verſtandesuͤberzeugung auf Herz und Willen! Wenn aber die Wahrheit in dem Schmuck der Beredſamkeit oder mit den noch maͤchtigern Reizen der Dichtkunſt erſcheinet; ſo ruͤhrt,

ſo bezaubert ſie, indem ſie den Verſtand uͤberredet, zugleich

das Hori. Sie ſchleicht ſich deſto lieblicher in das Gemuth ein, ie weniger ſie in der ernſthaften Geſtalt einer Khrrene er⸗

eint;