Aufsatz 
Über den wahren Wert des Lehrgedichtes / Christian Wilhelm Snell
Entstehung
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zu reden, als eine Fabel zu erfinden? Es iſt aber keine Art der poetiſchen Vertieruugen und Kunſtgriffe, wodurch die Ge⸗ danken lebhals⸗ ruͤhrend, erhaben werden, deren Gebrauch dem didaktiſchen Dichter nicht frei ſtehen ſollte. Er zergliedert allge⸗ meine Wahrheiten und fuͤhrt abgezogene Saͤze auf das Einzelne, auf beſondere Faͤlle, auf Individua zuruͤk. Er bedient ſich der Vorſtellung derienigen ſinnlichen und korperlichen Dinge, die am ſtäͤrkſten auf die Sinnen wirken, um abgezogene Begriffe auszudruͤkken. In ſeinen Schluͤſſen vermeidet er die trokke⸗ ne Bundigkeit des Philoſophen und ſchlieſt mehr auf eine ſinn⸗ liche Art aus mehrern einzeln Fällen, durch eine Art von Induktion. Er bringt ſeine Lehren in Allegorien vertoͤr⸗ pert vor die Einbildungskraft des Leſers. Er bedient ſich nicht nur erlaͤuternder, ſondern auch blos ergözender Gleichniſ⸗ ſe, welche er zuweilen nur kuͤrzlich berührt, zuweilen aber auch weiter ausmahlet, und uͤber ibren Vergleichungspunkt ausdeh⸗ net. Oft wo ſich der Redner begnüget, einen Gegenſtand blos zu nennen, da zeichnet ihn der Dichter mit allen Farben, oder er beſchreibt ihn nach ſeinen Urſachen, Wirkungen, Kennzei⸗ chen u. d. gl. Nicht ſelten uͤberraſchet er auf das lebhafteſte durch eingeſtreute ſittliche Sentiments, wozu er in ſeinem to⸗ den Stoff Veranlaſſung fand. Wahre und erdichtete Beiſpies le ſtehen ihm zu Gebott, um ſeine Lehrſäze darin einzukleiden, zu beweiſen, oder zu erlaͤutern. Seine praktiſchen Anweiſun⸗ gen und Regeln traͤgt er nicht in dem Ton eines Lehrers vor, ſondern er erzaͤhlt was andere gethan: er bringt ſeine Lehren in Beſchreibungen, wie z. B. Virgil, an ſtatt zu ſagen, dieſes oder ienes mus der Landmann chun, ihn ſelbſt in ſeinen Ge⸗ ſchaͤften ſchildert. Hier und da webt er ſeinem Werk ruͤhrende Erzaͤhlungen ein, und zeichnet mit voller Begeiſtrung leiden⸗ ſchaftliche Stenen. Er bringt allenthalben Leben, Handlung und Empfindung in ſein Werk, um dadurch die tode Materie

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