Aufsatz 
Über den wahren Wert des Lehrgedichtes / Christian Wilhelm Snell
Entstehung
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einen leicht zu lentdeekenden Zuſammenhang der groͤſern Theile des Werks, und einen Plan, der ohne Muͤhe und Anſtrengung uͤberſehen werden kann.* In den kleinern Theilen aber verſteckt öfters der Poet mie Fleiß ſeine Ordnung: er ſcheint ſeinem Genie und der Materie, wie ſie ſich ihm darbiet, zu folgen, und vermeidet ſorgfältig allen Anſchein einer aͤngſtlich abgezir⸗ kelten Regelmaͤſigkeit.

An eine einzige Form iſt dieſe Dichtungsart nicht gebun⸗ den. Auſſer der gewoͤhnlichen Form, da ſich das Gante in mehrere Buͤcher ausdehnet, kan eine didaktiſche Materie unter an⸗ dern auch ſehr bequem in Briefen oder in Dialogen abgehan⸗ delt werden. Hieruͤber beſtimmte Regeln zu geben, wuͤrde un⸗ gerechter Zwang des Genies ſeyn. Daß aber eine Wahrheit in ein epiſches oder dramatiſches Gedicht eingekleidet, kein Lehrge⸗ dicht in epiſcher oder dramatiſcher Form, ſondern ein Gemiſch von beiden Dichtungsarten, oder hoͤchſtens ein lehrreiches Hel⸗ dengedicht oder Drama gebe, hat der Recenſent der erſten Aus⸗ gabe der Briefe zur Bildung des Geſchmacks von Herrn Duſch in der allgemeinen deutſchen Bibliotheck mit Recht gegen dieſen belieb⸗ ten Schriftſteller erinnert; und auch darin muͤſſen Wir ihm beiſtim⸗ men, daß die ſo genannte allegoriſche Form ſehr ſchwer und mit gewiſſen eigenen nicht von ihr zu trennenden Unbequemlichkei⸗ ten verbunden ſey, welches Herr Duſch in der neuen Ansga⸗ be ſeiner Briefe auch ſelbſt zugiebt**

Das allermeiſte kommt bei dieſer Art von Gedichten auf Bearbeitung und Einkleidung der an ſich trockenen Materien an. Und ſollte wohl weniger poetiſches Genie dazu gehoͤren, von gemeinen und alltaͤglichen Dingen mit dichteriſcher Wuͤrde

zu * Siehe des Herrn Hofrath Beyne vortrefliche Abhandlung vor dem

Bedſchee des Virgils vom Landbau in ſeiner Ausgabe dieſes Dich⸗

** Siehe im aten Theil den zten Brief.