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Das groſe Lehrgedicht, wovon hier eigentlich die Rede iſt, traͤgt ein Syſtem von Wahrheiten oder Anweiſungen mit ie⸗ der Art des poetiſchen Schmucks vor, deſfen die Materie nur faͤhig iſt. Der Stoff deſſelben iſt entweder dogmatiſch, d. i. ein Syſtem ſpekulariver Wahrheiten, wie. B. Lukrezeno und Wielands Gedichte von der Natur der Dinge, Popes Ver⸗ ſuch uͤber den Menſchen, und Hallers Urſprung des Uebels; oder er iſt praktiſch, das iſt, eine Reihe von Kunſtregeln oder Vorſchriften, die man bei gewiſſen Geſchaͤften zu beobachten hat, z. B. Virgilo Gedicht vom Landbau, Horazens und Boileaus Dichtknnſt, Heſiodus Arbeiten und Tage; oder er iſt blos ſchildernd, wenn das Ganze in einem groſen Gemaͤlde, oder aus vielen mit einander verbundenen Gemaͤlden von ſitt⸗ lichen oder natuͤrlichen Dingen beſteht, wovon wir an Thom⸗ ſons Jahrszeiten, Kleiſts Fruͤhling und Hallers Alpen Beiſpiele haben. Meiſtentheils aber wechſeln theoretiſche Grundſaͤze, practi⸗ ſche Regeln, und Schilderungen mit einander ab. Die didaktiſchen Materien laſſen ſich theils leichter, theils ſchwerer auf poetiſche Art bearbeiten: doch bildet öͤfters ein wahrhaftig dichteriſches Genie auch aus dem allertrockenſten Stoff ein ſchoͤnes Lehrgedicht. Und je gröſer die Schwierigkeiten, deſto groͤſer das Vergnuͤgen des Leſers, welcher ſich durch den Anblick der entzückendſten Blu⸗ mengeſilde uberraſcht ſiehet, wo er nichts als duͤrre, unfrucht⸗ bare Wuſteneien vermuthete. Der Lehrdichter erſchoͤpft nicht immer ſeine Materie voͤllig: er hebt aus dem vor ihm liegenden Vorrath nur das aus, was vorzuͤglich poeriſcher Farben und Verſchoͤnerun⸗ gen faͤhig iſt. Er thut was Horaz von ſeinem Dichter ſagt:
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Deſperat tractata niteſcere poſſe, relinquit.
Nur muß er ſich huͤten, daß er keine betraͤchtliche Luͤcke ſicht⸗ bar werden laſſe. Es kommt hier nicht ſo wohl an auf dialet⸗ tiſche, als auf ſinnliche in die Augen fallende Ordnung, auf
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