Aufsatz 
Über den wahren Wert des Lehrgedichtes / Christian Wilhelm Snell
Entstehung
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4 die engen Graͤnzen dieſer Abhandlung zulaſſen, einen richtigen Begriff zu geben ſuchen; und alsdann erſt den wahren Werth

deſſelben, mit Ruͤckſicht auf die wichtigſten Einwendungen ge⸗ gen das poetiſche Anſehen deſſelben, unterſuchen..

Wir muͤſſen mit der Frage anfangen, welches der eigent⸗ liche Endzweck der Dichtkunſt uͤberhaupt ſey; und wir glauben ſie am beſten mit den Worten des Horaz zu beantworten:

Aut prodeſſe volunt, aut delectare poetae, Aut ſimul& iucunda& idonea dicere vitac.

Doch iſt in der Poeſie das Nuͤzliche dem Ergoͤzenden, wie in der Beredſamkeit das Ergöͤtzende dem Nuzlichen untergeordnet. Vergngen iſt das Hauptziel, nach welchem der Dichter hinar⸗ beitet: Durch das Nuͤzliche aber ſucht er dem Beluſtigenden wahre und dauerhafte Reize zu verſchaffen. In dieſem Ver⸗ ſtand iſt die Poeſie die alleräͤlteſte und allgemeinſte Lehrerin, des Menſchengeſchlechts, oder wie ſie Strabo nennt, eine Lehrerin der Sitten, Empfindungen und Handlungen; d.aea- Ara iDn aal a9 a eakus. In dem ganzen Felde der Poe⸗ ſie, vom Heldengedicht bis zum Anakreontiſchen Liede, findet ſich keine Dichtungsart, welche dieſer Verbindung des Ange⸗ nehmen und des Nuͤglichen gar nicht faͤhig ſeyn ſollte. Vor⸗ nehmlich aber iſt es die didaktiſche Poeſie, welche ſich mit dem Unterrichte beſchaͤftigt: allein mit keinem andern, als mit einem ſolchen Unterrichte, welcher einen hohen Grad des Vergnü⸗ gens wirckt: denn dieſes muß auch hier der Hauptzweck zu ſeyn ſcheinen; ſo ſehr muß der Dichter, wenn er auch eigent⸗ lich Unterweiſung zur Abſicht hat, dieſelbe zu verbergen, ſo ge⸗ ſchickt das Nuzliche in das Gewand des Angenehmen zu klei⸗ den wiſſen. Es gehört aber in den Umfang der didaktiſchen Poeſie, auſſer dem eigentlich ſo genannten Lehrgedicht, auch die Satire, der poetiſche Brief, das Epigramm und das hiſioriſche Gedicht. Das