— nter dieienigen Werke des poetiſchen Genies, welche von ieher bei dem groͤſern Theile des gebildeten Publikums in vorzuͤglicher Achtung geſtanden haben, gehoͤrt auch das⸗
ienige Gedicht, welches unter dem Namen des ehrgedichtes
bekannt iſt. Um deſtomehr mus es uns befremden, daß ver⸗ ſchiedene Kunſtrichter ſich Muͤhe gegeben haben, den Werth deſſelben herunter zu ſezen, und die Welt zu uüberreden, daß es weiter nichts als ein ungluͤckſeliges Mittelding zwiſchen Poeſie und Proſe ſey.“ Zwar aͤndert der Name die Sache ſelbſt nicht: wäre es auch bewieſen, daſt das didaktiſche Gedicht nichts mehr als verſificirte Proſe ſey; ſo wuͤrde der Mann, der blos aus
Geſchmack lieſt, daſſelbe deswegen nicht mit geringerem Ver⸗
gnügen leſen. Fur dieſen iſt alſo der Streit unwichtig. Al⸗
lein fuͤr denienigen, welcher mit kritiſchem Auge nach dem We⸗ ſen der Poeſie forſcht, kan er nicht gleichguͤltig ſeyn. Und wie ſollte er es beſonders fuͤr uns Deutſche ſeyn koͤnnen, da unſere
Haller und Duſche uns in dieſer Dichtungsart ſo herrliche
Siege uͤber andere Nationen errungen haben?— Es wird uns
alſo hoffentlich niemand tadeln, daß wir die Unterſuchung des
wahren Werthes des lehrenden Gedichts zum Gegenſtand die⸗ ſer Einladungsſchrift gewaͤhler haben; zumahl da uns dieſelbe
Gelegenheit geben wird, an Beiſpielen zu zeigen, wie leicht uns
Vorliebe zu einmahl angenommenen Grundſätzen und Vorur⸗
theile, auch bei einem ſonſt feinen Geſchmack in die Irre fuͤh⸗
ren koͤnnen. Veorerſt aber werden wir von dem Weſen und
den vornehmſten Eigenſchaften 5 Lehrgedichtes, ſo weit es uns
A 2 die
* Des Engellaͤnders Wartons Buch: Effay on the Genins and Wri-
tings of Pope, ſoll nach Herrn Duſchs Meinung vorzuͤglich Gele⸗
genheit zur Geringſchaͤzung des Lehrgedichts gegeben haben. Siehe
de heeehe zu der neuen Ausgabe ſeiner Briefe zur Bildung des Geſchmaks.


