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Es iſt unwiderſprechlich wahr, daß die naͤchſte Abſicht bey den claſſiſchen Autoren dieſe iſt, daß wir eine gruͤndliche Kennt⸗ nis der lateiniſchen Sprache aus ihnen als aus der reinſten Quelle ſchoͤpſen wollen.— Aber die lateiniſche Sprache iſt Mittel, nicht Zweck.(*)— Richtig!— Eine Sache aber kan in verſchiedenen Verhaͤltnißen betrachtet bald Mittel und bald Zweckſeyn. In dem ganzen Plau der Studien iſt die lateiniſche Sprache Mittel: In Ruͤckſicht der Autoren aber iſt ſie(Par⸗ tial⸗) Zweck, und die Autoren ſind das Mittel. Nur erlaube man mir dieſe verkannte Anmerkung zu machen. Die Kennt⸗ nis einer Sprache, ſagt der groſe Sulzer(**) deren ſich die beſten Schriftſteller in allen Arten der Wiſſenſchaften bedient haben, iſt an ſich ſelbſt unter die beſten Guͤter des Verſtandes zu zaͤhlen———. In eiuer ſolchen Sprache lieget eine groſe Menge feiner Begrife verborgen, welche einige groſe Geiſter zuerſt entwikelt, und durch eigene Woͤrter fuͤhlbar gemacht ha⸗ ben.— Wir bekommen alſo durch eine ſolche von groſen Ge⸗ nies gebildeten Sprache Begriffe, die wir ſonſt nicht leicht wuͤr⸗ den bekommen haben, und verſchiedene Woͤrter mahlen uns an⸗ dere Begriffe ſehr lebhaft, welche ohne dieſelben uns immer wuͤrden ſehr undeutlich geblieben ſeyn.
Auch liegt in den verſchiedenen Wendungen und Figuren einer zur Vollkommenheit gebrachten Sprache ſehr viel, das die Einbildungskraft und das Genie eines Menſchen bildenhilft, und auf ſeine ganze Art zu denken einfließt. Es iſt bekannt genug, daß der Vortrag eines Schriftſtellers und ſeine Spra⸗ che edel oder gemein, lebhaft und reizend, oder langweilig und verworren, zaͤrtlich und pathetiſch oder kalt ſeyn koͤnne. Es iſt aber gar nicht zu zweifeln, daß der Charakter der Sprache auf die Art zu denken einen groſen Einfluß habe. Wem alſd eine
—— edle (*) Sedeke, Ariſtoteles und Baſedow... (**) ſ. Erziehungs⸗Archiv 2. B. auf der 207. S.


