Aufsatz 
Über die Kirche des Chatel / [Rudolf Karl Albert] Holzapfel
Entstehung
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menten) zeigt sich Chatel als einen von der römisch-katholischen Kirche Abgefal- lenen, der indess nicht im Stande war, in wahrhaft evangelischer Freiheit vollkommen über seinen früheren Standpunkt sich zu erbeben und die eingelernten Dogmen zu prüfen, der Vieles vielleicht aus einem Reste von Scheu vor dem Glauben seiner Jugend stehen liess, welches nun, aus dem Zusammenhange gerissen, einer vernünftigen Begründung entbehrt; mit einem Worte, Chatel zeigt sich sowohl auf dem Gebiete der Lehre als dem des Cultus als einen unwissenschaftlichen und willkührlichen Ver- änderer des römischen Katholicismus. Freilich hat er manches Neue, manches Son- derbare eingeführt, und ein strenger Katholik würde ein Mal über das andere ein Wehe schreien über die arge Ketzerei und Gottlosigkeit, die er im Chatelschen Tempel erblickt. Aber doch muss man sagen, sein ganzer Cultus ist römisch-katho- lischen Ursprungs, und unterscheidet sich von dem in der römischen Kirche herr- schenden ausser einigen Zusätzen nur dadurch, dass in ihm noch mehr Willkühr herrscht, seine Vernünftigkeit also viel schwieriger darzuthun ist.

Am bestimmtesten tritt dies bei der Messe hervor. Sie ist ganz nach dem römi- schen Muster eingerichtet, nur mit dem Unterschiede, dass sie nicht in lateinischer, son- dern in französischer Sprache abgehalten wird*). Nach Chatel's eigenem Ausspruche (im Katechismus) ist die Messe eine symbolische Ceremonie, durch welche der Priester im Namen des Volkes und, merkwürdiger Weise au nom de la reconnaissance publique Gott das Brot und den Wein darbietet, um ihm Dauk für seine väterlichen Wohlthaten darzubringen und ihn zu bitten, auch fernerhin seine himmlischen Seg-

nungen seinen Kindern zu gewähren. Die Weisse des Brotes soll ein Symbol der Unschuld sein, als Opfer wird es Gott dargebracht, damit der Segen Gottes darauf herabkomme(Fucol. 29.). Während der Mischung des Wassers und des

Weines meint der Mischende Gottes Nähe zu empfinden. Bei einer solchen Ce- remonie glaubt man sich doch in's dunkelste Heidenthum versetzt. Dort wie hier werden Naturprodukte der Gottheit als Dankopfer dargebracht, nur der Name ist verschieden: Messe, Libation. Merkwürdig, aber zugleich ein Beweis für die ausge- sprochene Ansicht über Chatel ist, dass er trotz seiner Auffassung von der Messe doch Todtenmessen, Krankenmessen und Messen für verschiedene Lebensverhältnisse beibehallen hat.

Von dem Mangel an Originalität Chatel's, von der gänzlichen Unfreiheit die bei ihm nie zur Freiheit, sondern nur zu widriger Willkühr wird, zeugt auch

Diese Aenderung missfiel dem bekannten Feuilletonisten J. Janin ganz besonders. Um das Un- passende einer in französischer Sprache abgehaltenen Messe anschaulich zu machen, stellt er(in dem mit Geist durchgeführten Aufsatz: 1'ενε Chatel et son eglise im Livre de Cent-et-un. 1 II, p. 93) einige sonderbare Vergleiche auf:Man denke sich Homer in französische Verse über- setzt! eine Aeneis in Prosa! Mozart's Don Juan für Flageolets mit Guitarreb egleitung arrangirt, und man lat eine Vorstellung von dieser Profanation.