Aufsatz 
Über die Kirche des Chatel / [Rudolf Karl Albert] Holzapfel
Entstehung
Einzelbild herunterladen

12.

ganz im Charakter des Code de Lhumanité.»Unser Vater, dessen erhabene Majestät im Himmel leuchtet! dein Ruhm erfüllt die Unendlichkeit! belebender Kreis, dein strahlender Mittelpunkt ist überall, und dein Umkreis nirgends! Myriaden blendender Gestirne, Millionen von Welten, die durch dich geschaffen, im Raume schweben, feiern und preisen deinen herrlichen Namen! das Weltall gehorcht der blossen Ah- nung deines Willens! Mit einem Athemzuge belebst du Alles! dein Reich war, ist und wird sein! Deine unendliche Güte giebt jedem Geschöpfe, was seine schwache Existenz erfordert! O glühende und göttliche Liebe! vergieb uns unsere Schulden! sie sind ohne Zweifel gross, aber wolle du sie uns vergeben, wie auch wir von San- zem Herzen unseren Schuldigern vergeben; und möge deine unendliche Güte uns unterstützen, die von diesem Leben unzertrennlichen Leiden und Widerwärtigkeiten zu erfragen.«

An die Stelle der römisch- katholischen Dulie als Heiligenverehrung*) ist bei Chatel die Dulie als Cultus des Genius getreten, aber in etwas andrer Art als man in neuester Zeit einen Cultus des Genius in Deutschland hat aufkeimen sehen. Die Nachahmung der göttlichen Eigenschaften sei nur auf höchst unvollkommene Weise möglich; der Mensch bedürfe dazu der Vorbilder, ohne sie müsse er in Aus- übung der Tugend verzweifeln. Um daher durch das Beispiel derer, welche die Tu- gend wirklich ausgeübt, in der Tugend sich selbst zu kräftigen, solle man das An- denken derer ehren, welche der Menschheit Dienste geleistet haben, ohne indess je- mals das Geschöpf dem Schöpfer zu assimiliren, und somit Gott selbst Eintrag zu thun. Dies sei der Cultus als Dulie, durch welchen man erhoben und veredelt wird. In solcher Weise müsse den Eltern eine Dulie von Seiten der Kinder zukommen, den grossen Kriegern von Seiten der Soldaten.»Der Soldat, der in den Schlachten glänzen will, studirt das militärische Leben der Tapferen, die ihm in seiner Laufbahn vorangegangen sind, uud sucht ihnen gleichzukommen. Sein Muth belebt sich durch ihren Muth, seine Tapferkeit, seine Begeisterung erwarmen an ihrer Tapferkeit, an ihrer Begeisterung, und das ist ebenfalls ein Cultus der Dulie.« Deshalb sollen von jetzt an nicht mehr Männer wie der heil. Antonius oder Hilarion**) als gross gelten, denn sie seien Narren, sondern Mänmner wie Sokrates, Jesus, und, so lange noch bei der socialen Mangelhaftigkeit Krieg nothwendig sei, auch Männer wie Bayard, Tü⸗ renne, Napoleon, Alexander, Cäsar. 4 5

Zwar schon in dieser Theorie, noch viel mehr aber in der wirklichen Aus- übung des Cultus, so wie in den meisten Lehrpunkten(besonders bei den Sacra-

*) Ueber die Heiligenverehrung sagt die Prafession:Da die Heiligen durch die Gnade zur Selig- keit gelangt sind, und da ihr Heil eine Gabe Gottes ist, so beschränkt sich unsere Verehrung darauf, den Herrn für den ihnen gewährten Beistand zu danken.

**) Chatel schreibt Hylarion, nimmt es überhaupt mit Benennungen nicht sehr genan. Luther bezeichnet er einmal als den Mönch von Würtemberg!!