Schriften Chatel's.
Die Schriften, in denen Chatel seine Lehre niedergelegt hat, beweisen, dass er bei seinem Auftreten sein System noch keinesweges abgeschlossen hatte. In sei- ner ersten Bekenntnissschrift Profession de ſoi de l'église catholigue frangçaise, précedee de Lesprit de Teglise Romaine ou de Léducalion antinationale des se minaires wendet er alle Kraft auf, den römisch-katholischen Priesterstand in dem gehässigsten Lichte darzustellen und daraus die Nothwendigkeit einer Reform zu be- weisen. Nicht vom Dogma, sondern von der Disciplin geht er aus. Zwar lässt er das Dogma nicht unangetastet, indess bestrebt er sich, in dogmatischer Bezichung die Uebereinstimmung mit der urchristlichen Kirche festzuhalten und nimmt deshalb die drei ökumenischen Symbole auch für seine Kirche an.
In seiner zweiten Schrift ist von diesen ökumenischen Symbolen schon gar
nicht mehr die Rede. Sie sind durch ein ziemlich inhaltsloses Symbol ersetzt wor-
den, in welchem der Gottheit Christi auch nicht andeutend gedacht wird. Im Uebri-
gen ist diese Schrift wichtig zur näheren Kenntniss der Lehre und besonders des 4.35.
Cultus Chatel's. Sie führt den Titel: Roforme radicale. Nouoel Eucologe à Tusage de L'eglise cath. fr. Das Buch ist mit dem lithographirten Bildnisse des Reformators geschmückt. Statt der Vorrede findet sich nur ein vom Primas selbst in sehr hochtrabendem Tone abgefasstes Patent für den Buchhändler, welches schliesst: Donné à Paris, en notre Eglise primaliale, rue elc.--, Sous le sceau de nolre Eglise et le contre-seing de notre oicaire primaltial. Folgen dann Unterschriften mit gewaltigen Titeln.— Das Buch enthält die Kirchenagende, Gebete, Gesänge, so wie Bruchstücke aus der Bibel. Die Bearbeitung dieser Bruchstücke charakterisirt den Reformator. Die Ueberschriften, mit denen er dieselben einführt, lauten gewöhn- lich: Evangelium nach der dem St.(Matth., Mark., Luc., Joh.) zugeschriebenen Ver- sion, geben somit sogleich dem Publicum seine kritischen Zweifel zu erkennen. Was nun nach solcher Ueberschrift folgt, ist nicht etwa eine einfache Mittheilung grösse- rer oder kleinerer Stellen aus den Evangelien, sondern gewöhnlich eine ausführliche Interpretation oder eine Paraphrase einer solchen Stelle. Beispielshalber will ich eins dieser Chatelschen„Evangelien“ mittheilen. Es ist das Fasten-Evangelium und behandelt die Versuchungsgeschichte.
„Jesus, von Kindheit an durch die innere Stimme, welche ihm schon die nachher so ruhmreich von ihm durchlaufene Bahn anzeigte, geleitet, begab sich oft in den Tempel, um die Lehrer des Gesetzes zu hören, auf ihre Fragen zu antworten und auch seinerseits zu fragen. Die ihn höreten, staunten über die Richtigkeit einer so früh entwickelten Urtheilskraft, bewunderten ihn und überhäuften ihn mit Lobes- erhebungen. Lange Zeit nachher, als er der in seinem Herzen wirksamen Tugend
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