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tragen. Die schönsten Denkmale sind diejenigen, welche jeder sich selbst durch sein geistiges Walten und Schaffen errichtet; sie allein sind ewig, unvergänglich, nicht gebunden an einen Ort, sondern lebendig an allen, nicht todte Massen, sondern be- lebende Kräfte, entsprossen aus geistigem Boden, der wie der Geist selbst, nie-— mals vergeht. Darum, wenn die Zeit treibt, das Gedächtniss eines Mannes zu er- neuern, der sein Denkmal sich selbst gegründet hat, bedarf es keiner schönen Worte; die Rede wird die beste sein, welche in einfacher schlichter Erzählung den Mann hinstellt, wie er war und wirkte, mit Entfernung alles rednerischen Schmuckes, der der Sache selbst nur Eintrag thut und leicht den Verdacht erwecken kann, als wolle man mit prunkenden Worten Dürſtigkeit und Mangel bedecken. Thaten reden besser als Worte; mit diesen tritt der Mann hinaus in die Welt; sie liegen vor Aller Augen, sie sind der Ausdruck eines ernsten Willens und geistigen Strebens, die alleinigen Merkzeichen menschlicher Grösse und Bedeutung.
Als ich es übernahm, zu Euch, geliebte Zöglinge unserer Anstalt, über die Bedcutung des heutigen Tages zu reden und von dem Könige,»der weder dem Gläck noch dem Unglück eine Macht liess, der den Krieg nie gefürchtet und nie verlängert, noch langem Frieden erfahrene Truppen dargestellt, von drei Kriegen keine Spur im Lande gelassen, als Triumphe und Provinzen, der gern auf den ärm- sten Bauer geblickt, der das Grosse wie leicht, und das Kleine im Grossen betrachtet, commanqdirt, gestritten, geherrscht, gelebt, die Künste geliebt«— als ich es übernahm über die Bedeutung dieses Tages, an welchem ein solcher König zur Beherr- schung seiner Völker berufen wurde, zu Euch zu reden und nachdachte, wie ich dieselbe lebendig vor Eure Seele führte, womit ich Euch nachhaltig anregte, er- schien mir kein Stoff zweckmässiger, würdiger, als der ihn selbst zum Mittelpunkt hätte. Das thatenreiche Leben einer fast funfzigjährigen Regierung vermag aber der enge Raum einer Rede nicht so zusammenzufassen, dass sie ein bis in die kleinsten Einzelheiten treues Bild enthielte; ich muss mich beschränken nur einzelne Züge, in welchen uns die ganze Persönlichkeit des seltenen Mannes entgegentritt, flüchtig an- zudeuten, sie gleichsam nur in das Gedächtniss zurückrufen.
Wir schweigen von seiner viel bewegten, hart geprüften Jugend, von dem
schroffen Gegensatz, in den er zu seinem königlichen Vater gerathen war, von den .. 172
Anforderungen, die an ihn gemacht wurden, dem Throne zu entsagen, an ihn, der den Beruf des Regierens in sich trug, von der Todesnoth, in der er sich befand, als er den Bedrückungen durch die Flucht sich zu entzichen suchte. Er hat Leiden geduldet, wie vor und nach ihm keiner, der auf solcher Höhe geboren, wenige, die den übrigen Kreisen des Lebens angehören; aber diese Zeit der Trübsale war sein nothwendiger Durchgangspunkt, seine eigentliche Schule des Lebens; in ihr bildete sich nicht nur der grosse Charakter, der heftigere Stürme ertragen sollte, sondern


