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Afrika in dieser Familie aufzuweisen hat, bringt kein anderer Himmelsstrich hervor. Was in Amerika zu Agaven und prächtigen Fourcroyen geworden ist, das gestaltete sich unter afrikanischen Einflüssen zu Aloegewächsen den einsamen melancholischen Bewohnern dürrer Wüsteneien. Wieder anderen Formen ist es unmöglich geblieben, auch nur durch eine Species in jedem Klima sich darzustellen. Es fehlen der kalten Zone die Asclepiadeen, Malven, Euphorbien, Laurineen und andere, während die edle Gestalt der Palmen, die abentheuerlichen Nopaleen, die Bananengewächse, die segenverbreitende Zierde bebauter Fluren der heissen Zone, sich allein auf den wärm- sten Erdgürtel beschränken. Wie ähnlich endlich auch der Habitus einer Gebirgs- flora mit dem einer nördlicheren Gegend sein mag, immer bewahrt die Vegetation der Gebirge eine nicht zu verkennende Eigenthümlichkeit, die sich hauptsächlich durch die grosse Mehrzahl perennirender Gewächse, durch lebhaft gefärbte im Ver- hältniss zur Pflanze grosse Blumen und durch den Reichthum an bitteren aromatischen Stoffen in den Gebirgspflanzen characterisirt ¹). Grössere Durchsichtigkeit der Luft, vermehrte Intensität des Sonnenlichts, geringere Schwere der Atmosphäre, abgestumpfte Wärmeextreme und noch manches Andere sind die Ursachen, welche der Gebirgsflor den eigenthümlichen Charakter vindiciren.
Zwar wird nicht selten der Reichthum verwandter Arten einer Gegend aufgewo- gen durch die Menge der Individuen, mit welcher eine einzige Species in einem andern Himmelsstrich auftritt; allein diese Thatsache giebt keinen Einwurf gegen die Behauptung ab, dass nur unter bestimmten klimatischen Bedingungen gewisse Pflanzengestalten zu einer formenreichen Entwickelung kommen. Es ist schwer zu sagen, ob alle Exemplare der Hunderte von Ericaarten, welche Afrika und namentlich das südliche hervorbringt, zusammengenommen die zahllosen Individuen von Erica oulgaris, welche bei uns und in anderen nördlichen Gegenden mit Erica Tetralir die Familie repräsentirt, um ein Namhaftes in der Menge übertreffen mögen, aber gerade der Umstand, dass unter Hun- derten dort ausgebildeter Formen nur die eine oder die andere der zwei genannten bei uns sich findet, spricht dafür, dass unter unserem Himmel vieles der Ericaceengestalt hinderlich in den Weg tritt. Dieselbe Wichtigkeit, welche der Individuenzahl für die Physiognomie eines Landes in Hinsicht auf die Vegetation zukommt, hat die Specieszälil für das Klima desselben, und nur von dieser Ansicht arsgehend, habe ich es der Mühe werth gehalten, alle später mitgetheilten Rechnungen anzustellen.
Diese Andeutungen geben den Inhalt eines wesentlichen Abschnitts der erst durch Hrn. Alex. v. Humboldt zu wissenschaſtlicher Bedeutung erhobenen Pflanzengeographie an. Es darf daher nicht Wunder nehmen, dass in einer so jugendlichen Wissenschaft bisher nur die besser gekannten Phanerogamen und etwa noch die Farrn Gegenstand der Untersuchung gewesen sind, während die Bedeutung
¹) Schouw Pflanzengeographie. Berlin, 1823. p. 469.


