Aufsatz 
Die Vegetation in der Mark Brandenburg : ein Beitrag zur Pflanzen-Geographie / [Friedrich Wilhelm] Barentin
Entstehung
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noch nicht gefunden ist. Aira fleruosa, Sagina procumbens, Callitriche verna, Marchanlia pohymorpha kommen nach Dumont d' Urville unter ganz ähnlichen Ver- hältnissen wie bei uns auch auf den Falklands- Inseln vor. Myriophyllum spicatum und Poa maritima werden in Lappland, Deutschland und in der subtropischen Re- gion der Canarischen Inseln angetroffen, Ueberraschend ist die weite Verbreitung vieler niederen Pflanzen, unsere Parmelia perforata fand Hr. Meyen selbst auf den entlegenen Sandwichs- Insel, Aspergillum glaueuin sah Hr. Ehrenberg in Afka unter ähnlichen Umständen sich bilden wie bei uns. Wenn aber auch Bei- spiele dieser Art nicht geeignet sind über klimatische Differenzen Aufklärung zu ge- ben, so scheinen sie mir doch in anderer Beziehung sehr beachtenswerth, da sie sich als schwer zu beseitigende Einwürfe gegen die Lehren anführen lassen, welche Linné!¹) und Wildenow ²) von der Verbreitung der Pflanzen über die Erdoberfläche auf- stellten. Grade jenen Vorstellungen entgegen, die im Wesentlichen darauf hinaus- kommen, dass alle Gewächse von einem inselartig hervorragenden Bergrücken sich über die allmählig aus den Gewässern emportretende Erde verbreiteten, reden sie vielmehr der Ansicht das Wort, dass sich Pflanzen wie Thiere³) zugleich an vielen Stellen der Erdoberfläche erzeugten, und gewiss noch entstehen, wo die zu ihrer Entstehung nothwendigen Bedingungen sich vorfanden. Solche Vorgänge im Reiche der Natur würden einer bekannten Erscheinung auf dem geistigen Gebiet entsprechen, wo durch ähnliche Umstände oft die nämlichen Erfindungen und Gedanken hervorge- rufen werden, ohne dass sie nothwendig einen historischen Zusammenhang haben, oder von Geschlecht auf Geschlecht durch Traditionen sich fortpflanzen.

Wie genau der eben ausgesprochenen Ansicht die Erfahrung sich anschliesst, ergiebt sich noch aus einem anderen Umstand. H. B. Saussure⁴) hat zuerst die richtigen Gründe aufgefunden, aus denen eine Abnahme der Temperatur mit zuneh- mender Höhe der Berge nothwendig wird; daher trifft man denn auf den Gebirgen südlicher Breiten die Temperatur nördlich gelegener Gegenden wieder, wodurch das Klima nordischer Ebenen und südlicher Höhen eine gewisse Aehnlichkeit erhält, die sogleich auf die Vegetation übergeht, und sich hier nicht selten auf das Wieder- erscheinen derselben Species erstreckt. Saxifraga oppositifolia, Silene acaulis, Dryas octopelala, Erigeron alpinus, welche in Lappland auf niedrigen Inseln und Küsten wachsen, finden sich auf den Alpen in der Nähe der Schneeregion wieder; die Heidelbeeren(Faccinium Myrtillus), bei uns überall in den Wäldern, trifft man in Italien nur noch auf den höchsten Bergen; Birken(Betula 2b), die Zierde hoch-

¹) C. Linnaei Dissert. de telluris hahitahilis incremento.

2) Grundriss der Kräuterkunde. 5. Aufl. p. 491.

³) Z. B. Trochus adglutinans unter den Schnecken, Argyroneota aguatica unter den. Spinnen, Vanessa Cardut aus der Klasse der Insekten, sind ähnliche Beispiele in der Thierwelt.

) Friedrich Hoffmann physikalische Geographie. 219.