Aufsatz 
Der Fuciner See / [Gustav] Kramer
Entstehung
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6 Ueberblick des Apennin.

sen und Zweigen die nach Süden gestreckte Halbinsel erfüllt. Sein Abfall nach Norden in die Lombardische Ebene ist sanft und allmählig, durch unzählige, gleich- artige, in rechten Winkeln auf den Hauptgrat stossende, wenig entwickelte Thalein- schnitte zerspalten. Die über denselben führenden Pässe ziehen nicht in den Grün- den dieser Thäler, sondern fast fortwährend auf den offnen, allmählig ansteigenden Rücken der zwischen diesen sich hinstreckenden, untergeordneten Gebirgszweige hinan, über den freiliegenden, meist durchaus ungeschützten, der Wuth der Stürme, wenn sie losbricht, völlig preisgegebenen Bergkamm fort; und die an einigen Stel- len zum Schutze des Wanderers aufgeführten niedrigen, aber starken Mauern, an denen sich die Kraft des Windes brechen soll, mögen oft ihrem Zwecke nur un- vollkommen genügen. Trefflich und wahrscheinlich, wie man bei einem Norqditalie- ner leicht voraussetzen darf, nicht ohne nähere Kenntniss solcher Scenen verfasst, ist die Schilderung der Noth des punischen Heeres auf den Apenninenhöhen bei Livius(s. I. XXI., 58.); und es mögen viele Pässe anderer Gebirge, welche diese an Höhe weit übertreffen, nie auf gleiche Weise der Wuth der Elemente preisgege- ben sein, als sie es zuweilen sind.

Ganz anders ist die Natur der dem Süden zugekehrten Seite desselben Zuges. Einestheils stürzt das Gebirge nicht bloss an der Riviera di Genova in raschem Ab- falle zur grössten Tiefe, zur Meeresfläche hinab, so dass sich zwischen Orten, welche nur sehr wenige Meilen von einander entfernt liegen, Niveauunterschiede von 3000 4000 finden, sondern auch weiterhin herrscht ein, wenn auch nicht ganz glei- ches, doch durchaus ähnliches Verhältniss: wie denn Florenz(84 üb. d. Meere) in verhältnissmässig geringer Entfernung von dem Scheitel des darüber hinziehenden Ge- birgskamms liegt, andere Puncte von wahrscheinlich wenig höherer Lage, wie Listoja, demselben noch viel näher stehen. Anderntheils schliessen sich auf dieser Seite viel selbständiger entwickelte Gebirgszüge und damit in Verbindung stehende Thäler an jenen Hauptzug an: es treten an dieser Seite Flussgebiete auf, nicht bloss Flussrinnen, wie an dem nördlichen Abfalle. So das Gebiet der Macra, des Serchio, des Arno, welche sämmtlich in ihren weiten Thälern sich der Richtung des Haupt- zuges anschliessen: endlich das des Tiber. Dieses letzte, das bedeutendste im mitt- lern und südlichen Italien, führt durch seine Entwickelung selbst auf fernere Eigen- thümlichkeiten des Apennin. Nachdem nämlich dieser in der oben angegebenen Richtung bis etwa zum Meridian von Cesena gezogen, wendet sich sein Hauptkamm in starker Biegung gegen S. O., den Küstensaum des adriatischen Meeres in mässi- ger Entfernung fortan begleitend, und zu demselben in vielfachen, von lieblichen Thälern durchbrochenen, fruchtbaren Hügelgehängen allmählig hinabsteigend. Ganz anders ist nun auch hier wieder die Natur der entgegengesetzen Seite. Denn wenn die Thäler des östlichen Abfalls, ähnlich denen des nördlichen, in fast rechten Win- keln auf dem Kamme des Gebirges, wie der ihm parallellaufenden Meeresküste stehen,

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