Aufsatz 
Der Fuciner See / [Gustav] Kramer
Entstehung
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Einleitung. 3

durch so zahlreiche Besucher mancherlei Kunde von diesem Lande über die Alpen gedrungen ist: ja es hat ausser dem Reize, der die meisten Menschen treibt, mitzu- theilen was sie innerlich und äusserlich erfahren haben, wenn es über das Alltägliche hinauszugehen scheint, Allem was Italien angeht noch eine ganz besondere Kraft in- gewohnt, litterarische Werke mannichſaltiger Art zu erzeugen, deren Zahl mit dem Kreisen der Jahre allmählig ganz beträchtlich geworden ist. Nimmt man dazu die Begeisterung der Einheimischen für den Ruhm ihres Vaterlandes, welche Berufene wie Unberufene antreibt, durch Wort und Schrift nach Kräften die Herrlichkeit ihrer Heimath zu verkünden, und eine wahrhaft unendliche Menge von Localbeschreibun- gen und Untersuchungen hervorgerufen hat, deren kaum irgend ein Ort von nur eini- ger Bedeutung entbehrt: so ist es in der That Niemandem zu verargen, wenn er vor- aussetzt, dass Italien ein in seinen geographischen Verhältnissen und Beziehungen äus- serst bekanntes Land sei, wie wohl auch ziemlich allgemein vorausgesetzt wird. Und doch ist dem nicht also. In jenem ganzen Schwarme oft bändereicher Reisebeschrei- bungen ist von dem Lande selbst, mit Ausnahme weniger bevorrechteter, sehr be- schränkter Punkte, namentlich Neapels, nur sehr selten, mit einiger Genauigkeit fast nie die Rede: indem es den Verfassern meistentheils viel wichtiger scheint, die oft gar nicht zu reiche Welt ihrer Empfindungen und Erfahrungen für die Nachwelt zu retten, oder die kaum gewonnene Fülle geschichtlicher, wenn es hoch kommt halbwah- rer, oft genug ganz verkehrter und falscher Nachrichten, auf Kunst und Alterthum bezüglich, wissbegierigen Lesern auszuschütten. Eben so wenig gewähren die der Beschreibung dieses Landes ausdrücklich gewidmeten Werke, deren Zahl nicht ge- ring ist, eine umfassende oder lebendige Belehrung über dasselbe, wiewohl ich weit entfernt bin, das in mancher Hinsicht grosse Verdienst Einiger, namentlich des für die historische Seite unerschöpflich reichen Cluver, zu verkennen. Eine reichere Ausbeute geben allerdings für die Kenntniss des Landes die Werke einheimischer Schriftsteller, indem sie viele bald bedeutendere bald unbedeutendere Nachrichten und Thatsachen mittheilen, oft freilich wie verlorne Körnlein unter Haufen von Spreu begraben und an Stellen verloren, wo Niemand sie sucht: stets aber vereinzelt und ohne Beziehung auf das Ganze. Selbst was Naturforscher wie Targione, Brocchi, Tenore u. A. in dieser Art geben, trägt diesen Character. Es muss daher eine auf diese Seite gerichtete Untersuchung dieses merkwürdigen Landes als eine Aufgabe angesehen werden, deren Lösung noch fast ganz unversucht vorliegt. Sie ist, denke ich, reizend genug, und der, welcher sich ihr hingeben kann, gewiss beneidenswerth. Vielleicht ist die neuste Zeit, in der man begonnen hat, auch dieses Land in verschie- denen Beziehungen mit wahrhaft wissenschaftlichem Geiste zu durchforschen, beru- ken, sie zu geben.

Da aber diese Aufgabe eben nur noch vorliegt, und noch nicht gelöst ist, so möge es mir erlaubt sein, einen geringen Meitras, zur Kunde des mit Recht hochge-

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