Aufsatz 
Erinnerungen an J. J. Winckelmann / von [Adolf] Krech
Entstehung
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cher nicht unbenutzt blieb. Unter so glücklichen Verhältnissen gelangte Winckel- mann bald zu einer tiefen Einsicht und zur Gewissheit, dass die Kunst selbst mit ihren Gebieten sein eigentliches Feld sei. Er dachte dem Wesen des Schönen nach und indem er es in den Bildwerken des Alterthums in grösserer Vollkommenheit ung ergreifenderer Wahrheit als in den der neuern und besonders seiner Zeit aus- gedrückt fand, schien die volle Erkenntniss allein Italien verschaffen zu können, wo nicht nur die ausgezeichnetsten und grössten Sammlungen sich befanden, sondern auch täglich dem Boden neue Schätze abgewonnen und ganze Städte nach Jahrhunderte langer Verschüttung aufgedeckt wurden. Das Verlangen wuchs mit der steigenden Einsicht, und wenn auch die Kosten der Reise durch Sparsamkeit auf⸗dbringen mõög- lich war, so konnte doch der Protestant trotz des gediegenen Verständnisses der griechischen Litteratur, die in Rom hoch geschätzt Wurdde, nicht hoffen, die Mittel ei- nes längeren Aufenthaltes zu erwerben.

Der päpstliche Nuntius in Dresden, der Cardinal Archinto, ein keiner Kenner der Kunst und nicht gewöhnlicher des griechischen Alterthums, hatte Winckelmann in des Grafen Bibliothek, die er benutzte, öfters gesehen und in den Gesprächen mit ihm die Tiefe seines Geistes und die Gründlichkeit seines Wissens kennen und bewundern gelernt. Das Verlangen, Italien zu sehen, um unmittelbar aus den Wer- ken der griechischen Kunst das Wesen des Schönen zu schöpfen, war ihm eben so wenig unbekannt geblieben, als die Ursachen, welche der Erfüllung des Verlangens im Wege standen. Er stellte die Reise als wünschenswerth, ja als nothwendig dar und, wenn er es über sich gewinnen könnte, zum Katholicismus überzutreten, als leicht ausführbar. Obgleich Winckelmann dieses Ansinnen entschieden von sich wies, 80 plieb und wuchs doch die Sehnsucht, und da Ruhm, Ehre und gewisse Anstellung in Rom zugesagt wurden, so kam er unwillkürlich stets auf den Vorschlag zurück und begann einen mehrjährigen harten Kampf, in welchem der gewaltige Mann nach ver- zweifelter Gegenwehr endlich unterlag.

Von Natur ehrlich und wahr, musste er es in den heiligsten Angelegenheiten zu- nächst gegen sich sein; er konnte den Protestantismus nicht ohne die Überzeugung verlassen, dass er ihn gegen etwas Besseres, oder wenigstens nichts Schlechteres auf- gäbe. Die längere Betrachtung gab ihm aber weder diese Uberzeugung, noch nahm sie dem Vorhaben das Abschreckende, so dass ein innerer Zwiespalt eintreten musste, den er in seiner Befangenheit nicht aufzuheben vermochte. Sein durch die innigste Liebe verbundener Freund, Berendis, dem der tief Bekümmerte sich eröff- net hatte, löste denselben auch nicht, gab vielmehr grössere Qual; denn er wider- rieth aus Uberzeugung und die Gründe aus dem Hlerzen voll Zärtlichkeit und Treue liessen die Veränderung noch besorglicher erscheinen, als sie vorher erschienen war. Er blieb also in seinem Kampfe allein und gedrängt durch den Kardinal, der endliche Entscheidung verlangte, und durch seine Liebe zu den Wissenschaften und