Aufsatz 
Erinnerungen an J. J. Winckelmann / von [Adolf] Krech
Entstehung
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zur Kunst sah er sich nach Entschuldigungen um, welche die Vernunft, die stets be- reitwillige,ohne die wir wie Phaéthon Zügel und Bahn verlieren würden, finden liess.Jeder muss dem innern Triebe, gleichsam dem Finger des Allmächtigen in dem Menschen, aller Widerselzlichkeit ungeachtet folgen; er führt zur Erkenntniss des Berufes, welcher das Höchste ist und oft nicht ohne grosse Opfer erfüllt werden kann. So wie er seinem Wesen nach nie auf Erreichung äusserer Vortheile sich be- zieht, sondern ein innerer ist, so verlangt er Hinwegsetzung über manchen Wahn ge- wöhnlicher Menschen und in religiöser Bezichung selbst Verachtung einiger theatra- lischen Gaukeleien, wenn nur der eigne Glauben in treuer Brust bewahrt wird. Wer mit solchen Gründen und auf solche Weise seine Religion ändert, täuscht zwar die Menschen, kann aber Gott nicht hintergehen, und beruhigt sich sowohl mit seinen Vorbehalten, die er durch die Lehre der Jesuiten über die reservationes mentales vertheidigt, als auch mit der Gewissheit, dass das Leben selbst den Menschen oft gegen sein Verschulden in Zwie- spalt mit sich bringt und ihn zwingt, gegen seine bessere Uberzeugung zu reden und zu handeln. Einem Schauspieler ist er dann zu vergleichen, der bei zunehmender Er- kenntniss sein Gewerbe verdammt und es doch treibt. 3

Mit solchen Gedanken trug er sich beständig, theilte einige seinem Freunde mit, andere verschwieg er, weil er sich selbst sagte, dass sie zwar bei dem weniger Stren- gen den Schritt entschuldigen, aber nicht rechtfertigen könnten. Den Ausspruch des königlichen Beichtvaters, des Pater Rauch, dass er tüchtiger werde, der Welt zu die- nen und dadurch als Christ vollkommner, konnte er mit dem eignen Gewissen nicht in Ubereinstimmung bringen und es blieb, wie er auch die Sache beleuchtete, der Ubertritt ein unvertilgbarer Schandfleck. Nicht gering waren auch die Besorgnisse, wie seine übrigen Freunde und besonders sein Gönner, der Graf Bünau, über ihn urtheilen würden. Diesen von dem Vorhaben noch vor der Auslührung zu unter- richten, übernahm Berendis, und so gross die Unruhe sewesen war, bevor er dar- über Nachricht erhielt, eben so ungemessen war die Freude, als endlich Berendis schrieb, der Graf richte nicht hart*). Die Kralft, den Schritt leichter zu thun, wie er anfangs im Vollgefühl seiner Freude gewähnt hatte, war ihm aber damit nicht ge- geben, vielmehr rief der Gedanke des Ubertritts die alten Leiden mit grösserer

*) Niemals iu meinem Leben ist mir ein vergnügter Schreiben als das heutige von Dir ein- gelaufen. Ich bin ganz ausser mir. Mein Herr wird mir durch seine Erklärung grösser, als er mir gewesen, und die liebe erleuchtete Gräfin Gott gebe ihr viel Segen und Leben. Das hätte ich nicht gedacht, dass man so frei und vernünftig denken würde. Denke Du an mich, ich halte mein Wort. Einen so gnädigen Herrn lasse ich nicht. Stand und Ehre ist nichts bei mir, Ruhe und Freiheit sind die grössten Giiter. So weit bin ich weise geworden, dass ich sie zu schätzen weiss. Der gnädige Herr! ich wollte seine Fusstapfen Kiissen. Preise Gott mit mir, liebster Freund! Gott friste dem IIerrn Leben und Tage; ich will ihm dienen mit Leib und Leben. Gott, der mich geprifet und erforschet, weiss, dass ich schreibe, wie ich gedenke. An Berendis d. 21. Febr. 1753.