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Religion.
Winckelmann war der einzige Sohn armer Eltern. Der Vater nährte von seiner Hände Arbeit, er war Schuhmacher in Stendal, dürftig die kleine Familie und die Mutter mit frommer Ergebung half arbeiten und tragen. Beider Hoffnung ruhte auf dem Knaben, der bei früh hervortretenden Anlagen für das Predigtamt bestimmt wurde. Die Sorge des Unterrichtes und der Erziehung theilte der Rector der Schule, der ehrwürdige Tappert, bald ein väterlicher Freund seines Schülers, so mit den Eltern, dass jener mit Begünstigung der besonderen Neigungen den Knaben in die Wis- senschaften einführte, diese in dem jungen Gemüthe durch christliche Lieder, mit welchen sie ihn früh bekannt machten, einen frommen Sinn erweckten. Mit treuer kindlicher Liebe vergalt der Sohn die elterliche Sorgfalt und gewohnt, ihrem Willen unbedingt zu gehorchen, glaubte er gegen die Pflicht der Kindesliebe zu fehlen, wenn er die Bestimmung des künftigen Berufes von seiner eignen Wahl und nicht von ih- rem Wunsche abhängig machte. So ging er nach Halle, zwar mit dem Vorsatz Theo- logie zu studiren, zugleich aber mit der gewissen Überzeugung, dass er in ihr keine Befriedigung finden werde. Grosse Unordnung in seinen wissenschaftlichen Beschäf- tigungen war die natürliche Folge; fast in allen Facultäten versuchte er sich und war immer da, wohin es ihn zog, am seltensten in den theologischen Vorlesungen. Von der Arzneikunde, die nach seiner Ansicht ihm mehr zusagte, wendete er sich zur höhern Mathematik, ordnete dann die Bibliothek des Kanzlers von Ludwig, der ihn dabei mit einigen Gebieten der Rechts-Gelehrsamkeit bekannt machte, und verliess nach drei Jahren mit einem„ziemlich kahlen theologischen Zeugniss“ die Universi- tät. Die gewisse Aussicht, auf dem Lande, fern von allem gelehrten Umgange, als Pfarrer zu leben, hatte etwas Unerträgliches und bestimmte ihn, das Predigtamt ge- gen das Schulamt aufzugeben, welches seiner besondern Neigung entsprach; denn es führte ihn auf die sorgfältige Beschäftigung mit den Schriftstellern des Alterthums, die auf der Universität seine Lieblinge geblieben waren, zurück. Ihnen widmete er als Conrector in Sechausen seine freien Stunden. Der nähere Umgang machte sie ihm lieber; er lebte sich in sie hinein, bewunderte Vieles und nahm Manches an, ohne zum klaren Bewusstsein des nicht vollkommenen Einklanges oder gar des Gegen- satzes zur christlichen Religionsansicht zu gelangen.
Nach dem Tode des Vaters trug er dem Grafen von Bünau seine Dienste an, und emplfahl sich durch seine Kenntniss des Griechischen, die durch ein besonderes Zeugniss des Superintendenten Noltenius als nicht gemein gerühmt wurde. So kam er nach Nöthenitz, wo des Grafen reichhaltige Bibliothek aufgestellt war. Das nahe Dresden mit seinen Kunstschätzen der alten und neuen Zeit weckte nach häu- ſigen Besuchen den Kunstsinn, forderte zur Betrachtung und Vergleichung auf und bot zugleich einen lehrreichen Umgang mit Künstlern und Kunstfreunden dar, wel-
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