Aufsatz 
Erinnerungen an J. J. Winckelmann / von [Adolf] Krech
Entstehung
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ganzer Seele wendete. Sie entsprach seinen Erwartungen nicht, was billig befremdet, da Damm, der später Rector wurde, ein in seiner Zeit und an seinem Orte, bald auch in der ganzen gelehrten Welt viel gerühmter Kenner der griechischen Sprache und des griechischen Alterthums, an dem Gymnasium unterrichtete. Winckelmann forderte aber mehr, als der damalige Zustand der Schulen für die griechische Sprache zu leisten vermochte; sie lehrten dieselbe nur nothdürftig und kaum mehr als die er- sten Elemente. Uber diese war er längst hinausgeeilt und trug Verlangen, dass der griechische Geist zur Kräftigung und Stärkung des eignen ihm aufgeschlossen würde; die einseitige Behandlung und die fast alleinige Beschränkung auf die Grammatik musste ihn daher anekeln und leicht bestimmen, Berlin wieder mit seiner Vaterstadt zu vertauschen*). 4

So dürftig diese Nachrichten über Winckelmanns Berliner Schulleben sind, so lassen sie dennoch schon in dem Jünglinge den Mann, sowohl in seiner entschiedener ausgeprägten Eigenthümlichkeit, als auch in seinen Bestrebungen erkennen. Die grosse Unruhe, die ihn sein ganzes Leben hindurch rastlos zum Höhern trieb und in Nichtbefriedigung ihren Grund hatte, war früh mit einer grossen Liebe zum griechi- schen Alterthume verbunden, die wenig von aussen gepflegt den Geist zur eignen Thätigkeit führte und die verborgene Kraft fühlen lehrte. Bald konnte er sich rüh- men, dass er die griechischen Schriftsteller gründlich verstehe. Das volle Verständ- niss verschaffte aber erst Italien. Als er nach Rom gekommen war und sich mitten unter die Trümmer der antiken. Welt versetzt sah, die beredt zu ihm sprachen, als er in nie gekannter Seligkeit schwelgte, und ain Jahr bedaurſte, um einigermassen in dem heimisch zu werden, worin er seine Bestimmung gefunden hatte: da wollte er Alles, was Griechenland betraf, in sich aufnehmen und lebendig werden lassen und gegenseitig die Kunstwerke durch die schriftlichen Denkmale und diese durch jene erklären. Seine Verdienste um die bessere Erkenntniss des Alterthums sind aner- kannt und seine hohe Bedeutung in der Kunstgeschichte ist von Niemandem bestritten, seitdem Göthe den ungebührlich Vergessenen und Herabgewürdigten in sein volles Recht wieder eingeselzt hat. Ihm verdanken wir in schönen Umrissen entworfen ein treffendes Bild des grossen Mannes, und indem wir es versuchen, einige Züge noch besonders anzudeuten, haben wir diejenigen ausgewählt, die geeignet sind, an seine Eigenthümlichkeit zu erinnern.

*) An einer einzigen Stelle spricht Winckelmann von seinem Aufenthalte in Berlin und eben nicht zum Lobe derjenigen, die seine Lehrer waren. Sie beſinclet sich in dem Briefe an den Grafen Bünau(Seehausen den 16. Juli 1748) und lautet: Interim reluxit denuo stu dium Graecarum litterarum, ad quod sponte Berolini inter praeceptores dρασοσνς compellabar.