Aufsatz 
Erinnerungen an J. J. Winckelmann / von [Adolf] Krech
Entstehung
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ERINNERUNGEN

AN JOHANN JOA CHIM WINCKELMANN.

Am 1 18. März 1735 vor nun hundert Jahren wurde Johann Joachim Winckel- mann in die Zahl der Schüler des Köllnischen Gymnasiums aufgenommen. Bake, der damals Rector der Anstalt war, gewährte dem Hülfsbedürltigen Unterstützung und übertrug ihm gegen freie Kost und Wohnung, die Aufsicht und den Unterricht seiner Kinder. Nach einem kurzen Aufenthalte unterbrach jedoch-Winckelmann seine Studien durch eine Fussreise nach Hamburg⸗ unf aus dem reichen Bücherschatze des berühmten Fabricius einige gute Ausgaben römischer und griechischer Schriftsteller für Geld, das er auf dem Wege von wohlthätigen Gutsbesitzern und Pfarrern erhal- ten hatte, zu kaufen, und kehrte, nachdem er etwas länger als ein Jahr das Gymna- sium besucht hatte, in seine Vaterstadt zurück. Diese Unruhe zog ihm den Tadel seiner Lehrer zu, die gern einen Schüler entliessen, von dem sie glaubten, dass er zu unbeständig sei, um einem bestimmten Ziele nachzustreben*). Aber auch er war mit seinem Aufenthalte in Berlin wenig zufrieden gewesen. Die Liebe für classische Litteratur, die früh erweckt bei den geringen Hülfsmitteln der kleinen Stadt unter wenig erfahrnen Lehrern nur sparsame Nahrung erhalten konnte, hatte ihn von den geliebten Eltern in die grössere Stadt und in die berühmtere Anstalt geführt. In diese trat er gründlich vorbereitet und durch eignen Fleiss mit umfassenderen Kenpt- nissen, als gewöhnlich, ausgerüstet, und erwartete von ihr, dass sie ihn weiter führte und besonders mit dem griechischen Alterthume vertrauter machte, zu dem er sich mit

*) Es fand sich nach dem Abgange Winckelmanns in dem Album der Schüler neben seinem Namen von der Hand des Rectors die Bemerkung: tromo vagus et inconstans.« Man ver- gleiche Dr. V. H. Schmidt Rede, gesprochen peilder am Geburisiage J. J. Winckelmanns veranstalteten Feier. Berlin 1828.

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