Aufsatz 
Geschichte der religiösen Bewegung im Hochstifte Fulda während des 16. Jahrhunderts / von J. Gegenbaur
Entstehung
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Balthaſars große Lobserhebungen und un allei katholiſchen Hoͤfen ſtand der Name Balthaſars von Dermbach in großem Anſehen. Balthaſar ſtarb am 15. März 1606. Er war ein feſter und ausdauernder Charakter, ein Mann voll tiefen Glaubens und ſtrenger Sitte. Man würde Unrecht thun dieſen Mann nach den Begriffen der neuern Zeit zu beurtheilen; er wird erſt dann in ſein eigenes Licht treten, wenn wir ihn aus dem Geſichtspuncte der heißen Strömung und Gegenſtrömung eines religiös gewaltig erregten Zeitalters betrachten und ihn von dem Standpuncte der damaligen politiſchen Anſchauung beurtheilen, wonach der Fürſt Augsburgiſcher Confeſſion ſo⸗ wenig wie der katholiſchen Glaubens es zuließ, daß ſeine Unterthanen in Glaubensſachen anderer Meinung als er ſein durften, und wo dieſe Anſchauung Staatsrecht war.

Der Streit zwiſchen Würzburg und Fulda wurde erſt unter dem Nachfolger Balthaſars, dem Abte Johann Friedrich von Schwalbach(1606 1622) durch einen Vertrag vom 23. Mai 1613*) beigelegt; das Dom⸗ kapitel verſagte zwar dieſem Vergleiche ſeine Zuſtimmung, aber derſelbe ſcheint dennoch in der Hauptſache zur Ausführung gekommen zu ſein, ohne daß jedoch damit alle Streitigkeiten uüber Grenzen und biſchöfliche Jurisdie⸗ tion beſeitigt geweſen wären; denn bekanntlich hat gerade der letztere Punct erſt dann ſein Ende gefunden, als die Abtei Fulda zu einem Bisthume erhoben wurde.

Johann Friedrich hielt 1619 eine Synode der geſammten Geiſtlichkeit, rief 1620 die FPatres ord. s. Prancisci strictioris observantiae von Cöln nach Fulda und wies denſelben Wohnſitze in der Stadt an; unter der Negierung ſeines Nachfolgers nahmen dieſelben vom Frauenberge Beſitz. Der Abt ſtarb zu Neuhof am 8. Dee. 1622; auf ihn folgte Johann Bernhard Schenk von Schweinsberg. Während deſſen Regierung kam 1631 der Herzog Bernhard von Weimar mit etlichen Reiterſchaaren nach Fulda und legte dem Lande einẽ Brandſchatzung von 60,000 Gulden auf. Der Abt, welcher vorher den Kirchenſchatz und das Stiftsarchiv nach Cöln in Sicherheit gebracht hatte, verließ ſeine Reſidenz und begab ſich ins Ausland, um ſein Geſchick mit dem des Kaiſers und deſſen Heere zu theilen. Der Schwedenkönig Guſtav Adolf ſchenkte im Jahre darauf dem Landgrafen Wilhelm V. von Heſſens) wegen ſeines ſtandhaften Eifers, wegen ſeiner raſchen Entſchließung und wegen des erlittenen Schadens, die Abtei Fulda nebſt den Stiften Paderborn und Corvey eigenthümlich und erblich für den ganzen Mannsſtamm von Heſſencaſſel unter Vorbehalt eines Rückfalls an die Krone Schweden.

Der Landgraf Wilhelm hatte jedoch ſchon vor dieſer förmlichen Schenkung in ſeinem und des Königs Na⸗ men Bevollmächtigte nach Fulda geſchickt, um von den Unterthaneu daſelbſt ſich nach Kriegsrecht huldigen zu laſſen. Man verſprach Schutz der Religion, wies aber die Jeſuiten aus und ſetzte den Hausprediger des Statthalters, Hermann Wolf, als evangeliſchen Seelſorger, und den Georg Hector von Joſſa als Oberſchultheiß ein. Der Abt hatte ſich dem Heere Wallenſteins angeſchloſſen und die Schlacht bei Lützen mitgemacht, er wurde von den Reihen fliehender Kroaten mit in die Flucht geriſſen und von Schwediſchen Reitern, die er für Kaiſerliche hielt, vom Pferde geſchoſſen. Sein Leichnam wurde anfänglich zu Regensburg beigeſetzt, ſpäter nach Fulda ge⸗ ührt.***) Gleich nach dem Tode des Abts ſchritten die ebenfalls nach Cöln geflüchteten Domherrn in Gegen⸗ wart des vom Kaiſer dazu beauftragten Kurfürſten von Mainz zu einer neuen Abtswahl. Die Wahl war an⸗ fangs unentſchieden, bis ſich endlich die Sache zu Gunſten des Probſten zu St. Peter, Johann Adolf von Hoheneck, entſchied, faſt zu derſelben Zeit, wo der Kanzler Oxenſtierna als Bevollmächtigter der Krone Schweden an die Commiſſarien des Landgrafen Wilhelm Fulda übergab.(2. Juni 1634.)

*,) Mitgetheilt aus den Acten des Domeapitels von Herrn Domdechanten Hohmann in einer Sitzung des Geſchichtsvereins. **) Rommel Heſſiſche Geſchichte B. 8, 183. ***) Schannat h. f. 282.