Aufsatz 
Geschichte der religiösen Bewegung im Hochstifte Fulda während des 16. Jahrhunderts / von J. Gegenbaur
Entstehung
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Leib und Gut haben zu wollen. Der Coadjutor ließ darauf die Stadt Fulda verwarnen, ſich dem Landgrafen nicht zu widerſetzen, worauf denn Bürgermeiſter und Rath die Pforten öffneten und den Landgrafen einließen. Der letztere forderte nun die Ritterſchaft auf, ihm zu huldigen, dieſelbe lehnte dies jedoch ab. Es wurde darauf ein Vertrag geſchloſſen, den jedoch das Capitel des Stifts ablehnte, worüber ſich ſpäter noch große Mißhellig⸗ keiten zwiſchen dem Stift Fulda und dem Landgrafen erhoben. Dieſelben liegen jedoch außerhalb den Grenzen unſerer Betrachtung. Philipp hatte am 3. Mai die Bauern, welche am Frauenberg einige ſchwache Verſchan⸗ zungen aufgeworfen und daſelbſt einige Geſchütze aufgefahren hatten, angegriffen, dieſelben zerſprengt und geſchlagen. Ein Theil dieſer Flüchtigen hatte ſich in die Vertiefungen vor der Burg geworfen, moſelbſt ſie eingeſchloſſen und vor Hunger beinahe umgekommen froh waren in ihre Heimat wieder zu entkommen. Vier der Rädelsführer, darunter ein Geiſtlicher, derſelbe, welcher den Coadjutor bei dem Vorgange auf dem Nathhauſe zur Unterſchrift genöthigt hatte, wurden hingerichtet. Die Gefahr war beſeitigt, ſpurlos verliefen ſich die letzten Wellen einer Bewegung, welche ganz dazu angethan war, die Grundveſten der menſchlichen Geſellſchaft zu untergraben und welche aus unklaren religiöſen ſowie politiſchen Anſchauungen ſich erzeugt hatte.

Nach dem Bauernkriege machte die Ausbreitung der Reformation im Hochſtifte Fulda keine ſonderlichen Fort⸗ ſchritte. Gleichzeitige Nachrichten haben wir nicht, nur aus ſpäteren Berichten laſſen ſich noch drei Namen aufſuchen von Männern, welche ſich zu der neuen Lehre bekannt haben. Dahin gehört außer Johann Fläͤſchlein genannt Rotophanta, Johann Feemel aus Erfurt und Johannes Kymäus; der letztere wurde 1498 zu Fulda ge⸗ boren, trat 10 Jahr alt in das Franciscaner⸗Kloſter, hörte die Predigten Krafts und nahm 1527 die evangeliſche Lehre an. Er wurde ſchon im Jahre darauf von Philipp zum Pfarrer in Allendorf ernannt; ſpäter wurde er Magiſter in Marburg, Superintendent zu Kaſſel und ſtarb 1552 zu Felsberg. Im Allgemeinen jedoch ſcheint, wenn wir hier Brower*) folgen, der ſich ausdrücklich auf ſchriftliche Aufzeichnungen des Grafen von Henneberg und ſeiner Ca⸗ pitulare bezieht, eine eigene Bewegung unter den Kloſtergeiſtlichen vorzugsweiſe ſtattgefunden zu haben, indem dieſelben ihre Klöſter verließen, umherſchweiften und dadurch Mönchsleben und Kleidung verächtlich machten**).

Im Jahre 1529 hatte ſich im Dorfe Großenbach eine Secte der Wiedertäufer gebildet; es wurde gegen dieſelben peinlich verfahren, es bekannten ſich dennoch Hanns Lautenbach, Heintz Meiſter, Hanß Löber, Merten Seiffert, Dell Frank, Jacob Lautenbach, Jobſt Bott, Adam Meyſter, Hans Knoth und Hans Lautenbach der Möller, dazu, daß ſie von der Kindertauff nichts hielten und ſich hätten wieder taufen laſſen. Der Marſchall und die Zentgrafen erhielten nun den Auftrag, beſondere Fragen an die gefänglich eingezogenen zu richten. Es ergab ſich aus dem Verhöre, daß dieſe Lehre von einem Jorg der Teuffer, Frank genannt, nebſt andern Wieder⸗ täufern, die zu Lengsfeld verjagt worden waren, nach Mackenzell und Großenbach gebracht worden war; ferner ergab ſich daraus, daß allerlei wunderbare aberglaubiſche Geſchichten und Seltſamkeiten religiöſer und ſittlicher Verirrung damit untergelaufen waren und daß dieſe Lehre immer mehr Anhang unter dem Landvolke gewann, als Angſt und Schrecken vor nahe bevorſtehenden Strafgerichten die Gemüter mit banger Angſt erfüllten. Die Strafe entſprach der Sitte damaliger Zeit; die meiſten Wiedertäufer wurden 1530 mit dem Schwerte hingerichtet.

Schon im Jahre 1524, wo die religiöſe Bewegung in der Stadt Hammelburg**) begonnen hatte, ſah ſich der damalige Coadjutor veranlaßt, ein Patent im Stift anſchlagen zu laſſen, wornach er ſich alsFürſt und Gliedtmaßen des Reichs ſchuldig erkennt, das Kaiſerliche Wormſer Edict nochmals in Erinnerung zu bringen,

*) A. F. S. 350. **ν) Brow. habitus et vestis monastica odiosa fit. **e) Die Landesbibliothek zu Fulda beſitzt ein Manuſeript: Hiſtorie von Anfang, Fortgang, Underbhaltung des reformirten Predig⸗Ambts Augspurgiſcher Confeſſion in der Chriſtlichen Gemeinde zu Hammelburg beſchrieben durch M. Georgium Korn 1585.