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des Interim's vernehmen wollte. Als im Jahre 1552 der Krieg zwiſchen Moritz von Sachſen und dem Kaiſer ausbrach, mußte Witzel abermals fliehen, er eilte unter vielen Mühſeligkeiten von einem Orte zum andern, bis ihn ein Domſcholaſter zu Mainz gaſtlich aufnahm. 1554 verließ er Fulda gänzlich, verkaufte ſein Haus, zog nach Mainz und ward 1557 auf dem Wormſer Colloquium Adjunct. Kaiſer Ferdinand l. erſuchte ihn um ein Gutachten über die Augsburgiſche Confeſſion, welches er unter dem Titel via regia lieferte. Witzel ſtarb zu Mainz 1573.
Witzel ſagt von ſich ſelbſt, er habe des neuen Evangeliums wegen das Vaterland verlaſſen, dann habe er ſich tiefer und tiefer in die Lehre verſenkt und immer weniger ſie bewährt gefunden. Ungern habe er den breiten Weg verlaſſen, aber das Leſen der Kirchenväter habe ihn zur alten Kirche zurückgeführt. Anderswo ſagt er:„Es hat mich auf eure Seite gezogen jener große Beifall der Welt, es hat mich beſonders dazu verlockt die Beiſtim⸗ mung der Gelehrten, es hat mich angetrieben die Neuheit der Sache, es hat mich abgeſtoßen der ſchändliche Zu— ſtand der Kirche, am meiſten hat mich eingeladen die ſichere Hoffnung, daß alles Chriſtliche reiner werde.“
A. Menzel äußert ſich in ſeiner Geſchichte der Deutſchen*) wie folgt:„Dieſer gelehrte Theologe, der zu ernſten Betrachtungen über die Mängel des neuen Religionsweſens gekommen war, hatte am Hofe zu Dresden Aufnahme und Anſtellung gefunden. Wenn die Herrſchaft über die Gemüter der Menſchen von Vernunftgründen geübt würde, ſo wäre ein Mann von ſolcher Denkungsart ganz geeignet geweſen, den Weg zum Frieden zu bahnen.“ Neander urtheilt folgendermaßen über Witzel:„In ſeinen Schriften gibt ſich ein Mann, dem das Chriſtenthum die höchſte Angelegenheit ſeines Lebens iſt, der die Uebel der Kirche tief empfindet und mit heißer Sehnſucht eine Wiederherſtellung derſelben verlangt, zu erkennen, und in dem Standpuncte, den er zwiſchen beiden Parteien einnahm, und welchem er auch bis an das Ende ſeines Lebens immer treu blieb, finden wir den Abdruck ſeiner Eigentümlichkeit und ſeines beſonderen Bildungsganges. Wäre das Streben, ſich geltend zu machen oder äußerliche Vortheile zu gewinnen, das beſeelende bei ihm geweſen, ſo hätte er ganz anders handeln müſſen*).“ Luther ſagt von der Kirchenordnung Joachim II.:„es rieche ihn Witzeliſch an.“
Kurz nach dem erſten Auftreten Witzels war der Bauernkrieg ausgebrochen. In der Woche des Jahres 1525 vor Oſtern war ein Fuldaer Bürger von der Frankfurter Meſſe zurückgekehrt und hatte in dem Hauſe genannt„zum Beren“ die erſten Nachrichten über die Aufſtände der Bauern in Franken und Schwaben nach Fulda gebracht, bald darauf näherten ſich auch die wilden Horden auf der Straße von Hammelburg her den Grenzen des Hochſtifts. Auf den erſten Oſtertag ſammelten ſich die Schaaren an 10,000 Mann ſtark in Dipperts und zogen mit Fahnen und großem Geſchrei in die Kirche, während der ganzen Nacht gaben ſie durch Schüſſe aus Bombarden ihre Anweſenheit kund. Am folgenden Tage erſtürmten ſie die Probſtei Petersberg, ſie raubten alle Kleinodien in der Kirche, goſſen die geweihten Hoſtien aus den Kelchen auf die Erde und zogen von da nach dem Frauenberg, einem Benedictiner⸗Kloſter, deſſen Vorſtand damals der Probſt Andreas von Marſchalk war, ſie verübten hier dieſelben Frevelthaten, öffneten das Grabmal des dritten Abtes Ratgar, nahmen die Gebeine heraus und zerſtreuten ſie, die prieſterlichen Gewänder, mit denen er bekleidet war, zerriſſen und vertheilten ſie unter ſich und nun wälzte ſich die wilde Horde unter wildem Geſchrei und Trompetenſchall nach den benachbarten Klöſtern, ſie zerſtörten die Probſteien Neuenberg und Michaelsberg und bemächtigten ſich der Hinterburg und bald darauf der Stadt und des Schloſſes Fulda. Der Coadjutor Johannes hatte ſchon vorher alle ſeine„Gereißigen“ dem Erzbiſchof von Mainz und Magdeburg Caſimir, Markgrafen zu Brandenburg, und ſeinem Vater, dem Grafen zu
*) II, 130. Schröckh Kirchengeſchichte I, 572. **) Ueber Witzels Grundſätze und Anſichten von der Reformation findet ſich bei Döllinger Geſchichte der Reformation I, 18— 125 ausführlich Auskunft. Ueber Witzels Reden vergl. Aſchbach 4, 1179 und Strobel Beiträge II, 273—376.


