Aufsatz 
Geschichte der religiösen Bewegung im Hochstifte Fulda während des 16. Jahrhunderts / von J. Gegenbaur
Entstehung
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treten ſein ſoll, iſt eine weitere Nachricht außer der Chronik Apollos von Vilbel nicht zu finden; wir vermögen nicht einmal den Namen desſelben anzugeben.

Gleichzeitig mit Kraft und Raid war in einer andern Stadt des Hochſtifts Fulda ein Verkünder der neuen Lehre aufgetreten, deſſen Leben und Wirken mannigfach in die geſammten öffentlichen Verhältniſſe der damaligen Zeit eingreift und der durch die Rückkehr zum Katholicismus, durch die Abweichung ſeiner Anſichten von denen Luther's und Melanchthon's, durch ſeine verſchiedenen Lebensſchickſale, ſowie durch die reicher fließenden Quellen eine ausführlichere Darſtellung möglich macht.

Georg Witzel*) der ältere, wie er ſich nennt, um ſich von ſeinem gleichnamigen Sohne zu unterſcheiden, war 1501 zu Vacha geboren. Seit ſeinem 13ten Lebensjahre beſuchte er die Schulen zu Schmalkalden, Eiſenach und Halle; 1517 ging er nach Erfurt, woſelbſt er nach zweijährigen philoſophiſchen Studien die Magiſterwürde erlangte. Er wurde nun Lehrer zu Vacha, ging aber 1520 nach Wittenberg, hörte dort Luther, Melanchthon und Karlſtadt. Auf Zureden ſeines Vaters ließ er ſich zum Prieſter weihen und ward von 1521 1524 Vicar zu Vacha; daſelbſt verheirathete er ſich und begann mit dem Jahre 1523 die neue Lehre zu verkünden. Da er nun in Folge des Wormſer Edikts ſein Amt verwirkt hatte, ſo begab er ſich nach Eiſenach, wo er eine Zeit⸗ lang die Stelle eines curio verſah, bis er, nachdem er Alles verloren, mit ſeinem Weibe und einem 3 Monate alten Kinde ſich zuerſt nach Erfurt und dann nach Wittenberg wandte. Auf die Empfehlung Luthers wurde er Prediger zu Nimeck. Er lernte jetzt Hebräiſch, predigte und drang auf Verbeſſerung der Sitten. 1529 ver⸗ weilte Campanus bei ihm; man hielt ihn deßhalb für einen Antitrinitarier, er ward 1530 eingezogen und zu Belzig gefangen gehalten, zu gleicher Zeit nahm man alle Papiere und Briefſchaften in ſeinem Hauſe weg. Witzel wurde jedoch bald wieder freigeſprochen und ſeiner Haft entlaſſen; er begleitete ſein Amt in Nimeck noch bis zum Jahre 1531, wo er Sachſen verließ und bald ſeine Trennung von Luther in Druckſchriften anzeigte; namentlich war es die sola ſides, woran er beſonders Anſtoß nahm. In Vacha, wohin er zurückgekehrt war, ging es ihm kummervoll. Er ſollte Profeſſor der Hebräiſchen Sprache zu Erfurt werden, allein durch Luthers und Jonas Gegenbemühungen entging ihm dieſe Stelle, dadurch ſteigerte ſich ſeine Erbitterung gegen die Wittenberger. 1533 bekannte er ſich wieder öffentlich zum katholiſchen Glauben und wurde von dem katholiſchen Grafen Hoyer von Mannsfeld als Prediger nach Eisleben berufen; er gerieth bald nach Antritt ſeines Amtes in Streit mit ſeinen Amtsgenoſſen und hatte oft kaum zehn Zuhörer in ſeinen Predigten. Nach fünf Jahren, innerhalb welcher er in dubia sacrorum functione lebte, kam er nach Dresden zum Herzoge Georg von Sachſen. Nach dem Tode dieſes ſollte eine von Witzel verfaßte Poſtill nicht gedruckt werden; als Witzel ſie dennoch drucken ließ, wurde er gefänglich eingezogen und die Auflage confiscirt. Witzel wurde nur freigegeben unter der Bedingung, daß er die Stadt nicht verlaſſe. Er ließ Weib und Kind zurück und flüchtete nach Böhmen. Der Biſchof, Johann von Meißen, gewährte ihm im Geheimen einen Aufenthalt zu Stolpen, von wo er ſich im Herbſte nach Berlin begab, und daſelbſt den dritten Theil der Kirchenordnung, welche der Kurfürſt Joachim II. 1540 ausgehen ließ, ausar⸗ beitete. Nach mannigfachen Kreuz⸗ und Querzügen wurde er endlich 1540 vom Abt Johann III. von Henneberg in Fulda aufgenommen und erſcheint 1541 als Rath Philipps von Schweinsberg, der auf ſeine Veranlaſſung hin die ſ. g. reformatio, von der weiter unten ausführlicher die Rede ſein wird, erlaſſen haben ſoll. Von Fulda aus beſuchte Witzel die: meiſten Reichstage und Convente; 1544 überreichte er zu Speier dem Kaiſer die Schrift: Querela ecclesiae. Als im Schmalkaldiſchen Kriege die Heſſiſchen und Sächſiſchen Truppen nach Fulda kamen, entfloh er nach Würzburg, indeß in ſeiner Abweſenheit ſein Haus, die heutige Krätzmühle, von den Söldnern geplündert wurde. 1548 ward er nach Augsburg berufen, weil man ſeine Anſicht bei Anfertigung

*) Brow. A. P. 339. Aſchbach Allgemeines Kirchenlexicon 4, 1176.