Aufsatz 
Geschichte der religiösen Bewegung im Hochstifte Fulda während des 16. Jahrhunderts / von J. Gegenbaur
Entstehung
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ausgeſtreut habe. Es läßt ſich nicht aus dieſer kurzen Bemerkung ſchließen, ob auch damals ſchon in dem Stifte Fulda die neue Lehre Anhänger gefunden habe. Der Chroniſt fügt dann die Bemerkung hinzu, daß von da an, indem viele Mönche und Nonnen aus den Klöſtern entlaufen ſeien, eine große Zahl von Dieben und ſchlechten Frauen entſtanden ſei. Es ſcheinen dieſe Mittheilungen mehr auf andere Gegenden zu paſſen, zumal er erſt zum Jahre 1523 erwähnt, daß in Fulda die zwei erſten Anhänger Luthers erſtanden ſeien. Es ſind dies Adam Kraft und Balthaſar Naid; ob dieſelben und welchen Anhang im Volke gehabt haben, darüber läßt ſich gar nichts angeben; es iſt jedoch höchſt wahrſcheinlich, daß dieſe Erſcheinungen nur als vereinzelte zu betrachten ſind, indem der Coadjutor dieſelben, ohne daß irgend eine Beſchwerde laut wurde, beſeitigte. Bei der kurz darauf erfolgten Beſetzung des Landes durch den Landgrafen Philipp in Folge des Bauernkrieges hätte ſicherlich eine Unterſtützung der Anhänger der neuen Lehre ſtatt gefunden; aber ſelbſt Lauze, der Chroniſt Philipp's, der ſonſt dergleichen Erſchei⸗ nungen nicht unberührt läßt, erwähnt Nichts davon*). Adam Kraft wurde zu Fulda 1493 geboren; er war der Sohn eines Bürgermeiſters, deren damals ſowie ſpäter noch jedesmal vier der Stadt vorſtanden. Er ſtudirte zwei Jahre zu Erfurt, woſelbſt er die Würde eines Baccalaureus und ſpäter eines Magiſters erwarb; während ſeiner Studienzeit kam er mit Luther und Melanchthon in Berührung und brachte ſo deren Anſchauungen in ſeine Vaterſtadt. Zu jener Zeit ſtudirten noch viele Heſſen, die nachher in der Entwicklung der Heſſiſchen Reformation eine Rolle ſpielten, in Erfurt; dazu gehören Cobamus Heſſus, Wigand Lauze, Euricius Cordus und Joachim Camerarius. Kraft hielt in Erfurt wiſſenſchaftliche Vorträge, welche vielen Beifall fanden, und wohnte 1519 der Leipziger Disputation bei. Nach ſeiner Rückkehr in die Heimat wurde Kraft zuerſt Rector juvenum, ſodann Vicarius und darauf bekam er officium praedicaturae in ecclesia parochiali übertragen. Bei einer Reiſe, die Melanchthon in ſeine Heimath unternahm, beſuchte er ſeinen Freund in Fulda, deſſen Stellung aber allmählig ſo unhaltbar geworden war, daß er ſchon 1524 ſein Amt aufgab und nach Hersfeld ging, wo der Abt Miles der neuen Lehre ſich günſtiger zeigte. Als der Landgraf Philipp nach Hersfeld kam und daſelbſt eine Predigt Krafts hörte, ſo ernannte er ihn unter dem 15. Auguſt 1525 zu ſeinem Hofprediger, als welchen er ihn 1526 mit auf den Reichstag nach Speier nahm, um ihn in den Herbergen, da die Evangeliſchen in den Kirchen nicht zugelaſſen wurden, predigen zu laſſen**). Kraft wurde ſpäter Superintendent für Marburg und ſtarb 1558.

Ueber die Lebensverhältniſſe Balthaſarf Raid's***) ſind keine weitere Nachrichten vorhanden; nachdem derſelbe in Fulda ſich nicht mehr halten konnte, ging er nach Hersfeld, woſelbſt er vom Landgrafen Philipp als evangeliſcher Prediger beſtellt wurde. Von dem dritten Prädicanten, welcher im Dorfe Dipperts 1524 aufge⸗

wie der Verfaſſer dies bereits auch in einem mündlichen Vortrage im Vereine für Heſſiſche Geſchichte ausgeführt hat, vergl. Zeitſchrift des Vereins für Heſſ. Geſchichte und Landeskunde Jahr 1857, das Manunſcript in ſolange als Quelle nicht anzuſehen, als über ſeine Identität und ſeine Abſtammung beſſere und zuverläſſige Nachweiſungen ſich nicht erlangen laſſen. Der Verfaſſer wird darum dasſelbe nur inſoweit beachten, als ſich für die angezogenen Stellen Brower als Gewährsmann bei⸗ bringen läßt. Dronke hat in ſeinem Programm von 1846 dieſe Chronik theilweiſe abdrucken laſſen und ſo iſt ſie dann weiter benutzt worden. Vergl. Haſſenkamp, Heſſiſche Kirchengeſchichte im Zeitalter der Reformation II, 288 und Heppe, die Reſtauration des Katholicismus u. ſ. w. Letzterer theilt dieſe Stelle S. 18 ebenfalls aus Dronke mit, erwähnt auch, daß dieſe Chronik über Kraft und Raid Nachricht gibt, ſcheint aber das Manuſcript ſelbſt nicht geſehen zu haben; dasſelbe enthält über Raid eine ſehr bezeichnende Stelle als Auszug aus einer Predigt desſelben. Nach dieſer Chronik hieß Raid der Coadjutor Adami, sed pejor illo, quia quod Craffto cum discretione, ille sine omni verecundia proclamavit etc.

*) Hiernach wären die Ausdrücke bei Heppe S. 17die Herzen Vieler und faſt das ganze Volk als hiſtoriſch durchaus nicht nachweisbar bis auf Weiteres zu beanſtanden. 4

**) Haſſenkamp I. 60 und 78. ***) Brower fällt über ihn S. 337 ein ſehr hartes Urtheil, dasſelbe thut auch der Chroniſt Apollo von Vilbel. 1*½