Aufsatz 
Der Schulgarten des Realgymnasiums und der Realschule zu Gießen / von [Rudolf] Erb
Entstehung
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ihren Zuſammenhang mit der Umgebung, ihre Beziehung zum Menſchen und zum Kulturleben eine ſo ſichere Stütze bieten, daß ſie nicht verwirrend wirken können. Jene Betrachtungen gleichen dem an ſich haltloſen, Form und Bewegung bedingenden Muskel, die Syſtematik dem ſtützenden Skelett. Beide können getrennt in ihren Funktionen für ſich nicht vorgeſtellt werden, können für ſich nichts leiſten, ebenſowenig eine ſolche Naturbeſchreibung ohne Syſtematik.

Wenn ſchon an höheren Schulen der Lehrmethode nach dieſen Lebensgemeinſchaften ſchwere Bedenken entgenſtehen, ſo gilt dies erſt recht für die Volksſchulen. Sie ſetzt wohlgeſchulte Fachleute neben einer bedeutenden geiſtigen Reife der Schüler voraus. Fachleute ſind aber bis jetzt noch ſelten an jenen Schulen, und zur Erziehung jener Reife fehlen Zeit und Mittel.

Unterrichtsverfahren. a. Botanik.

Die Pflanzen werden in dem Schulgarten vom Keim bis zur Samenreife zum Gegenſtand der Beobachtung. Der Unterricht iſt in's Freie gelegt. Müſſen Pflanzen wegen ſchlechter Witterung nach der Halle verbracht werden, ſo iſt das Ausziehen derſelben nicht Schülern zu überlaſſen, ſondern der Lehrer übergiebt am Beet jedem Schüler ſein Exemplar. Der Gang der Betrachtung ſchließt ſich der Aufeinanderfolge der Organe, von der Wurzel beginnend, an.

Bei dem Unterricht ſind zu verwenden Nadel, Meſſer und Lupe; letztere erſt von IV ab. Die am Beet gemachten Beobachtungen werden in der Halle in ein Tagebuch notiert und durch Skizzen fixiert. Dieſe Aufzeichnungen dienen der ſpäteren ſyſtematiſchen Zuſammenſtellung. Der ſyſtematiſchen Beſtimmung ſchließen ſich Betrachtungen an, wie ſie vorher erwähnt wurden. Bei offizinellen Pflanzen und Kulturpflanzen ihre Verarbeitung im Gewerbe(Mohn⸗Opium, Lein ſeine Verarbeitung mit Demonſtration u. ſ. f.), Hinweiſe auf die Schönheit der Pflanze, das charakteriſtiſche Gepräge, das ſie der Landſchaft verleiht, ihre Verwendung in Sage und Geſchichte, ihre Bedeutung in der Entwickelung der Kultur kommen hier in Betracht.*) Weſentlich iſt ferner die Beobachtung des Inſektenbeſuchs für die verſchiedenen Pflanzenſpezies; der Garten geſtattet dies in hinreichendem Maße.

Längs⸗ und Querſchnitte an größeren Objekten und Zeichnung derſelben bereiten die Anatomie und Phyſiologie in O III vor.

Bei dem Unterrichte werden Wandtafeln nur dann allein, ohne Objekt, benützt, wenn die be⸗ treffenden Pflanzen nicht lebend zu haben ſind. Bei der Repetition werden die Tafeln allein verwendet. ²)

b. Zoologie. Im zoologiſchen Unterrichte gelten dieſelben Grundſätze. Soweit es irgendwie angeht, wird lebendes Material benützt. In anderen Fällen ausgeſtopfte Exemplare, Spirituspräparate, aber nur in Ausnahmefällen Bilder allein.

¹) Hier giebt das Werk v. Carus Sterne:Sommer- Herbſt- und Winterblumen, vorzügliche Anleitungen. ²) Zu empfehlen ſind die neuerdings bei Frommann und Morian in Darmſtadt erſchienenen v. Jung, Koch und Quentell.