Aufsatz 
Der Schulgarten des Realgymnasiums und der Realschule zu Gießen / von [Rudolf] Erb
Entstehung
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Man zeigt neuerdings das Beſtreben, ſtatt des ſyſtematiſchen Unterrichts den Unterricht nach Lebensgemeinſchaften an den Schulen einzuführen. Einige Bemerkungen über die letzteren mögen hier Platz finden, um zu zeigen, daß, ſo wenig die reine Syſtematik der Aufgabe des naturgeſchichtlichen Unterrichts allſeitig gerecht zu werden vermochte, es dieſe neue Methode ebenſowenig vermag. Nur durch eine verſtändige Verknüpfung beider iſt das Ziel erreichbar, d. h. durch einen bedingten ſyſtematiſchen Unterricht.

Es iſt ein nicht zu leugnendes Verdienſt dieſer Methode, erfriſchend und belebend auf den früher vielfach rein ſyſtematiſchen Lehrgang eingewirkt zu haben. Sie wird aber deshalb doch nie im Stande ſein, ohne jenen die doppelte Aufgabe des naturgeſchichtlichen Unterrichts zu löſen. Mag ſie auch in formaler Hinſicht manches erreichen, ihr materieller Erfolg iſt um ſo minderwertiger.

Es iſt eine wohlberechtigte pädagogiſche Forderung, daß in den unterſten Klaſſen das Unterrichts⸗ verfahren ein langſam voranſchreitendes ſein müſſe und dabei ſofort ein beſtimmter Plan feſtzuhalten ſei. Vergleicht man dagegen den in Junge's Naturgeſchichte aufgeſtellten Penſumplan für das 4. Schuljahr, ſo wird dieſe Forderung ſofort unmöglich erſcheinen. Setzt man eine normal begabte Klaſſe von 30 Schülern und täglichen Unterricht in der Naturgeſchichte voraus, ſo dürfte immer noch ein ziemliches Ueberhaſten, das intenſive Beſchäftigung mit dem einzelnen Schüler ausſchließt, nötig ſein, um den dort aufgehäuften Stoff zu bewältigen. An unſeren höheren Schulen(und von dieſen iſt hier zunächſt die Rede) ſtehen uns nur 2 Stunden wöchentlich zur Verfügung, es iſt nicht möglich in dieſer Zeit die dort angeführten Lebensgemeinſchaften ſo zu behandeln, wie dies der Natur der Sache nach conſequenter Weiſe geſchehen müßte. Die Ausführlichkeit der Betrachtungen im Dorfteich(am angedeuteten Orte) werden das Vorſtehende verſtändlich erſcheinen laſſen. Außerdem kommt noch hinzu, daß die geiſtigen Fähigkeiten des 910jährigen Schülers noch durch eine nicht geringe Anzahl anderer Unter⸗ richtszweige in Anſpruch genommen und auf's Höchſte angeſpannt werden. Bei dem noch unentwickelten Gedächtniß des jungen Schülers wird, wie dies die alltägliche Erfahrung genügend lehrt, vieles wieder verſchwinden. Zu Repetitionen, die das Schwankende zu ſtützen hätten, bleibt keine Zeit, eine Vertiefung des Stoffes läßt ſeine Fülle nicht zu. Das Beſprochene wird alſo auch nicht geiſtiges Eigentum des Schülers werden, zumal häusliche Arbeit auf dieſer Stufe äußerſt zu beſchränken iſt. Außerdem hindert das Heterogene der Erſcheinungsformen in den Lebensgemeinſchaften ſehr oft eine klare Auffaſſung und wirkt verwirrend auf den Schüler.

Einer weiteren pädagogiſchen Forderung, nur große Naturobjekte zum Gegenſtand des erſten Unterrichts zu wählen, wird dieſe Art des Unterrichts ebenfalls nicht gerecht. Bau, Funktion der Organe(durch den Zweck bedingt) laſſen nur an großen Naturobjekten eine klare Auffaſſung zu. Das Sehen und Begreifen muß erſt entwickelt, darf nicht als vorhanden vorausgeſetzt werden.

Sektionen an Larven und Käfern haben auf den unteren Stufen keinen Wert, da ein richtiges Verſtändniß hier doch noch fehlt. Ueberhaupt ſollte man an Schulen ſehr vorſichtig mit dieſen Sektionen ſein. Sie verführen den Schüler zu leicht zu Nachahmungen und haben ſo Tierquälerei zur Folge. In den oberen Klaſſen, bei reiferen Schülern, muß man ſich hierbei auf's äußerſt Notwendige beſchränken, in den unteren Klaſſen bleiben ſie aus den angedeuteten Gründen am beſten ganz fort.

In materieller Hinſicht kann dieſe Methode keine Vorteile erzielen, weil bei der Unſumme von Betrachtungen am heterogenſten Material kein klares Wiſſen erzielt wird. Man macht der Syſtematik den Vorwurf, daß ſie zur Vielwiſſerei erziehe, dieſer Vorwurf kann allerdings der anderen Methode nicht gemacht werden. Allein der botaniſche Name, die Staubfäden, die vervehmten Gattungen und Familien haben den unendlich großen Vorteil, daß ſie den Betrachtungen über die Naturprodukte, bezugnehmend auf ihr gegenſeitiges Sichbedingen, ihre geſetzmäßige Abhängigkeit von den Naturkräften,