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Kiemen ganz anders zum Verſtändnis kommen am lebenden Objekt, als dies durch Demonſtration am toten, durch Erläuterung von Tafeln und Modellen möglich iſt. Jeder, der ſchon einmal den Unter⸗ richt auf dieſe Art betrieben hat, wird zugeben müſſen, daß ſchon die Teilnahme an demſelben eine ganz erheblich lebendigere war, wenn das beſprochene Objekt die beſprochenen Bewegungen wirklich auch ausführt. Ein ganz klares Bild gewinnt der Schüler von dem Geſchöpfe aber erſt im Sommer, wo die Tiere, an ihren natürlichen Aufenthaltsorte gebracht, ganz anders geartet erſcheinen als im Winter. Der Garten erlaubt ſo, den Nachteil, welchen die ſachgemäße Trennung des Unterrichts in Zoologie für den Winter und Botanik für den Sommer mit ſich bringt, wieder auszugleichen.
In nicht geringem Grade fördernd auf das Intereſſe an der Natur und das Verſtändnis ihrer Formen wirkt die ſtetige Beſchäftigung mit den Naturobjekten. Die der Pflege des Schülers über⸗ wieſenen Pflanzen und Tiere, werden ſehr bald ſeine Lieblinge ſein, mit denen er ſich gerne beſchäftigt. Mit der Liebe ſteigert ſich die Achtung vor den anderen Lebeweſen, je mehr er erkennt, daß er ſelbſt nur eine beſtimmte Form in der Fülle dieſer Lebeweſen ausmacht. Es eröffnen ſich ihm ganz andere Gebiete der Anſchauung, und dem Lehrer iſt in dieſen Stunden freier Unterredung im Garten eine höchſt willkommene Gelegenheit gegeben, nachhaltig auf das Gemüt ſeines Schülers einzuwirken.
Ein weiteres wichtiges Erziehungsmittel liegt darin, daß der Schüler im Garten für ſeine Muſe⸗ ſtunden ein Arbeitsfeld findet. Abgeſehen von dem ſanitären Vorteil bietet die Arbeit im Freien noch den, daß der Schüler den Wert der Handarbeit ſchätzen und achten lernt, daß er ſchon in der Jugend ſich daran gewöhnt, auch die Menſchen zu achten und zu ehren, denen dieſe Art der Arbeit ihren Erwerb liefert.“ Von Zwang zu dieſen Arbeiten kann ſelbſtverſtändlich keine Rede ſein. Derſelbe iſt auch voll— ſtändig überflüſſig, da ſich die Schüler ſtets in großer Anzahl freiwillig melden.
Dem Einwurfe, welchen man den Schulgärten macht, daß durch ſie der Schüler von den Spazier⸗ gängen in's Freie abgehalten würde, iſt ſehr leicht zu begegnen. Unterricht und Schulgarten können naturgemäß nur eine beſchränkte Anzahl von Pflanzen bieten, die völlige Einſicht in die biologiſchen Verhältniſſe, der Standort d. h. das gedeihliche Fortkommen auf beſtimmten Bodenarten, der Anbau der Pflanzen, ihre Wirkungen in der Landſchaft, die Beziehungen derſelben zu einander und ſo noch eine Menge anderer Dinge laſſen ſich nur draußen in der Natur zum klaren Verſtändnis bringen. Dasſelbe gilt naturgemäß auch für den Unterricht in der Zoologie. Die Aufgabe des Unterrichts ver⸗ langt, daß das in Unterricht und Garten Gewonnene im Freien ausgebaut werde, wenn anders ſie nicht verfehlt werden ſoll. Ein erſprießlicher Unterricht kann alſo der Exkurſionen nie entbehren. Auf der anderen Seite leuchtet wieder ein, daß man nicht alle Unterrichtsſtunden in Wald und Feld halten kann. Ferner weiß jeder Fachmann, wie ſchwierig es iſt, an halb verwelktem, tags zuvor abgeſchnittenem Material alle einſchlägigen Verhältniſſe zur klaren Anſchauung zu bringen. Man kann ſogar die Beobachtung machen, daß der Schüler manche Objekte gar nicht wieder erkennt, ſobald er ſie hernach lebend und friſch vor ſich ſieht. Dieſen und vielen anderen Mißſtänden abzuhelfen iſt eben Zweck des Schulgartens und des Unterrichts im Freien.
Dazu kommt noch, daß der ſtetige Aufbau im Unterricht immer das Vorhandenſein beſtimmter Arten blühender Gewächſe in genügender Anzahl im Garten notwendig bedingt. Dies iſt ſchon ein guter Antrieb zum Botaniſieren und eifert auch die Schüler zu Ausflügen und zum Sammeln für den Garten an. Schwer fällt dabei in's Gewicht, daß es dem Lehrer leichter wird, dieſen Sammeltrieb zu zügeln und ihn nicht in eine Sammelwut ausarten zu laſſen. Man beugt dadurch dem ſinnloſen Aus⸗ rotten ganzer Pflanzenſpezies vor und verhütet viel Tierquälerei. Wenn dem Schüler durch Belehrung und praktiſchen Verſuch gezeigt worden iſt, daß es unſinnig iſt, blühende Pflanzen auszureißen und dann wieder anpflanzen zu wollen, nachdem man ſie zudem in ganz andere Verhältniſſe gebracht hat, ſo wird
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