Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte des chemischen Unterrichtes an der Universität Gießen : mit einem Plan / von G. Weihrich, Direktor des Großherzoglichen Realgymnasium und der Realschule in Gießen
Entstehung
[Giessen] [2018]
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ausgeſchlagen, das neben den mancherlei Verwaltungsgeſchäften auch zeitweilig große Verdrießlichkeiten bringen mag?¹)

Durch die oben beigebrachten Belege dürfte ausreichend dargethan ſein, wie wenig begründet die erwähnten, gegen Univerſität und Regierung erhobenen Anklagen ſind, wie vielmehr nach Liebigs eigenem Zeugnis alle ſeine Wünſche nach Maßgabe der Hilfsmittel des Landes erfüllt worden waren. Der Voll⸗ ſtändigkeit wegen darf hier nicht unerwähnt bleiben, daß Großherzog Ludwig II.(1830 bis 1848) auch in der Wertſchätzung Liebigs ein Erbe und Nachfolger ſeines erlauchten Vaters geweſen, indem er am 24. Jan. 1837 Liebig durch die Verleihung des Ritterkreuzes 1. Klaſſe des Ludewigsordens ehrte und am 29. Dez. 1845zum Zeichen der Anerkennung ſeiner Verdienſte, für ſich und ſeine gegenwärtigen und zukünftigen ehe⸗ lichen Nachkommen beiderlei Geſchlechtes in den Freiherrnſtand des Großherzogtums zu erheben geruhte. 2)

In der ſchon genannten Rektoratsrede des Herrn Geheimen Hofrates Hoffmann(1866) und in verſchiedenen Aufſätzen des Direktors Dr. Friedrich Schödler, der von 1834 an erſt Schüler, dann bis etwa 1842 Liebigs Aſſiſtent geweſen(z. B. im Programm der Realſchule in Mainz 1874, in Weſtermanns Monatsheften, April 1875, Seite 21 47), ſowie in den ſchon ge⸗ nannten biographiſchen Schriften iſt insbeſondere die Wirkſamkeit Liebigs als Lehrers und Begründers einer Schule eingehend geſchildert..) Liebig fing im Winter 1824/25 mit zwei Laboranten an. Wie der immer ſtärker werdende Zudrang von Schülern nach und nach die Arbeits⸗ und Unterrichtsräume zu erweitern zwang, iſt ſchon oben gezeigt worden. Vier Jahre nach der letzten beträchtlichen Erweiterung des Laboratoriums(1839) ſchreibt unter dem Datum des 22. Oktober 1843 Liebig an Wöhler: Ich habe Will ein Laboratorium für etwa fünfzehn Eleven in meinem neuen Hauſe eingerichtet, werde aber kaum dadurch erleichtert werden. Ich bin jetzt in Verlegenheit über Aufgaben und Fragen zu Arbeiten und verwünſche oft das ganze Laboratorium; ich tröſte mich nur, daß es Dir auch ſo geht. Am 21. Oktober 1848 ſchreibt er ſeinem Freunde:Bei uns ſieht es übel aus, ſtatt 36 bis 40 Laboranten habe ich nur 10; Will, dem ich alle Anfänger zuweiſe, hat 18. Ich beabſichtige in dieſem Winter meine Tierchemie zu vollenden, und es iſt mir nun ganz lieb, von anderer Seite nicht zu ſehr in Anſpruch genommen zu ſein. Daß in dieſer aufgeregten Zeit auch in Gießen die Ver⸗ hältniſſe nicht ganz dem Sinne Liebigs entſprachen, dürfte einleuchten; in einem Briefe Wöhlers an ihn(vom Dezember 1848) kommt die Stelle vor:Nach dem Poſtſkriptum in Deinem letzten Briefe ſcheint es in Euren Univerſitätsverhältniſſen trübe auszuſehen. Ich will Dir was ſagen, ergreife die Initiative, verkaufe Dein Haus, nimm Deinen Abſchied und laß Dich als zweiten Chemiker hierher berufen. Ich will die Sache ſchon machen. Wir ſtehen dann gemeinſchaftlich dem hieſigen chemiſchen Inſtitute vor, laſſen es hinſichtlich des Lokals gehörig vergrößern, Du dirigierſt und trägſt die organiſche Chemie vor, ich die unorganiſche. Die Arbeit iſt dann gehörig verteilt, der Einzelne braucht ſich nicht zu Tode zu arbeiten, und es könnte etwas Großes geleiſtet werden. An Studierenden aus aller Herren

¹) Liebig war im Jahre 1846 zum erſten und 1851 zum zweiten Male Dekan der philoſophiſchen Fakultät; hiernach iſt zu berichtigen, oder ganz unerklärlich die Mitteilung in einem Brief an Wöhler vom 29. Auguſt 1848, daß er in dieſem merkwürdigen Jahre Dekan der philoſophiſchen Fakultät war.

²) Am Schluſſe des Dekanatsjahres 1845 übergiebt der Amtsvorgänger die Dekanatsakten ſeinem Nachfolger, dem Herrn Profeſſor Dr. Liebig, mit den üblichen guten Wünſchen. Auf die folgende Seite ſetzt nun Liebig die überſchrift:Erſtes Dekanat des Freiherrn Dr. Juſtus von Liebig, ordentlicher Profeſſor der Chemie. Dagegen ſchreibt er an Wöhler, I., S. 333:Laß doch den Freiherrn auf der Adreſſe der Briefe weg; der Titel iſt lächerlich, ohne eine Herrſchaft hinter ſich.

³) Vergl. auchGeſchichte der Chemie von E. von Meyer, Leipzig, 1889, Seite 214. Ganz beſonders aber noch die eigenen Aufzeichnungen Liebigs inDeutſche Rundſchau, Januar 1891, Seite 38 f.