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Länder ſollte es nicht fehlen.“ Dagegen ſchreibt Liebig am 29. Mai 1849:„... Unſere Univerſität hat im ganzen abgenommen, der Ausfall trifft aber weder die mediziniſchen noch naturwiſſenſchaftlichen Fächer, ich z. B. habe 107 Zuhörer, mehr als ſonſt. Die ſonſtigen Zuſtände ſind hier leidlich, die Studenten ſind politiſch ganz apathiſch und bekümmern ſich nicht darum. In der hieſigen Stadt ſind viele Rote, aber ſie ſind niedergehalten. Am übelſten iſt es in dem unglücklichen Lande Baden beſtellt u. ſ. w.“ Die Schilderung der ſonſtigen Verhältniſſe Liebigs und der ihm durch ſeine Schüler all⸗ mählich gewordenen Unterſtützung muß vorläufig unterbleiben. Geſagt ſei, daß auch in der letzteren Hinſicht ſeine Wünſche— ſoweit es irgend die Mittel zuließen— erfüllt worden ſind. Die Namen Ettling, Dieffenbach und Zamminer qlalle noch jung in den fünßziger Jahren geſtorben) ſeien nur genannt. Beſonders mag aber darauf hingewieſen werden, daß Knapp ſich hier 1838 für chemiſche Technologie habilitierte, 1841 außerordentlicher und 1848 ordentlicher Profeſſor in jenem Fache wurde (1853 folgte er wie noch andere Lehrer unſerer Hochſchule Liebig nach München), daß Will 1837 Aſſiſtent Liebigs, 1839 Privatdozent, 1846 in Folge einer Berufung nach London außerordentlicher Profeſſor der Chemie(1852 Liebigs Nachfolger) wurde, daß endlich Kopp ſich im Jahre 1841 habilitierte, 1843 den Titel eines außerordentlichen Profeſſors der Phyſik und Chemie erhielt. Am 3. März 1846 ſchrieb Liebig an Wöhler mit Beziehung auf eine bevorſtehende, durch Letzteren und Oerſted veranlaßte Berufung Kopps als ordentlichen Profeſſors der Phyſik nach Kiel:„Wir können Kopp hier nicht entbehren, und ich benutzte dieſe Veranlaſſung, um bei unſerm Miniſter eine Beſoldung für ihn durchzuſetzen, was auch gelungen iſt. Es iſt nicht viel, aber Kopp iſt zufrieden und bleibt hier“. Welche weit größere Univerſität hatte gegen Ende der vierziger und am Anfang der fünfziger Jahre eine ſolche Anzahl und ſolch hervorragende Lehrkräfte für ein Fach wie die Chemie? Was müßten dagegen Vogt, Kolbe, Carriere für Anklagen erheben, wenn ſie erfahren, daß trotz des geradezu ungeheuren Fortſchrittes der chemiſchen Wiſſenſchaft und trotz der viel weitergehenden Teilung in einzelne Disziplinen an derſelben Stätte Liebigs in Folge der Ungunſt der Verhältniſſe ein einziger Ordinarius ſeit einigen Jahren die gewaltige Arbeit allein bewältigen ſoll. Und auch hier iſt weder Regierung noch Univerſität für dieſen in der That unerträglichen Zuſtand verantwortlich zu machen. Es iſt wohl ſicher, daß der ſeit mehreren Jahren gehegte Wunſch nach einer weiteren Lehr⸗ kraft demnächſt erfüllt wird, um ſo mehr, als die übrigen Bedingungen für eine dem heutigen Stand⸗ punkt der chemiſchen Wiſſenſchaft entſprechende Vorbildung an der hieſigen Hochſchule ſeit Herbſt 1888 vorhanden ſind. Das ſchon 1843 räumlich unzureichend gewordene Liebig'ſche Laboratorium konnte— wie in den ſeit Februar 1883 zwiſchen dem derzeitigen Ordinarius, dem Miniſterium und der Adminiſtrations⸗Kommiſſion geführten Verhandlungen und in den Gutachten der Baubehörde feſtgeſtellt iſt— durch keinen Baukünſtler jene Erweiterungen erhalten, welche die zunehmende Zahl der Laboranten und ganz insbeſondere die heutigen wiſſenſchaftlichen Forſchungsmethoden erheiſchten. Nachdem allenthalben, teilweiſe wahre palaſtartige Laboratorien erbaut worden waren, in welchen neben dem für den chemiſchen Unterricht Notwendigen und Nützlichen doch auch manche überflüſſige, für den fertigen Forſcher wohl bequeme, für den Studierenden geradezu ſchädliche Einrichtungen getroffen waren, hat man hier, ganz in Liebigs Geiſt, gute, brauchbare, zweckdienliche Anordnungen der hervorragendſten Unterrichts⸗ Laboratorien beachtet und nunmehr ein geräumiges, allen Anſprüchen der heutigen Viſſenſchaft genügendes, zweckmäßig eingerichtetes Inſtitut ſeit 2 ½ Jahren den Unterrichtsmitteln der Hochſchule angereiht. Das alte Liebig'ſche Laboratorium bildet jetzt in ſeinem vorderen Teil das hygieniſche Inſtitut der Univerſität, während der hintere Teil als Wirtſchaftsraum der alten Klinik dient.


