Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte des chemischen Unterrichtes an der Universität Gießen : mit einem Plan / von G. Weihrich, Direktor des Großherzoglichen Realgymnasium und der Realschule in Gießen
Entstehung
[Giessen] [2018]
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Im Grunde leugnen das alles die genannten Verfaſſer der Nekrologe und Biographien durchaus nicht. Aber ſie ſchildern die üblen Stimmungen, in die Liebig zeitweilig verfiel, weit über Gebühr und ſchreiben jene ausſchließlich auf Rechnung der Angehörigen der Univerſität oder der Regierung; ſie laſſen dabei die feurige, ungeſtüme Art, die kampfluſtige Natur Liebigs außer Acht. In dieſem Sinne hat der kommende Geſchichtſchreiber der Chemie noch jene hiſtoriſche Gerechtigkeit zu üben, die den großen Chemiker und Denker in ſeinen menſchlichen Eigentümlichkeiten uns begreifen lehrt, aber auch verhindert, andere, die in ſeinem Leben und Wirken mithandelnd aufgetreten ſind, ungerecht zu beurteilen. Das Leben i*ſt für jeden Menſchen ein Kampf; in welch' höherem Maße für Liebig, zu deſſen Lebensbedingungen die Polemik gehörte, deſſen leidenſchaftliche Natur ſich nur ſchwer durch den Geiſt bändigen ließn). Seine Streitluſt iſt nicht erwachſen aus blöder Rechthaberei; ſie iſt vielmehr das Erzeugnis des mächtigen Dranges zur Erforſchung der Wahrheit. Wenn der hierauf bezügliche Abſchnitt in Carrieres mehrfach angeführter AbhandlungPlaten und Liebig(a. a. O. Seite 292) geradezu köſtlich iſt, ſo bietet der Briefwechſel zwiſchen Liebig und Wöhler eine reiche Fundgrube von Belegen für die Beweggründe ſeiner Streitigkeiten. Grade aus dem reizenden Briefwechſel der beiden ſo verſchieden gearteten, durch die innigſten Freundſchaftsbande verbundenen Männer erkennen wir, daß nur das In⸗ tereſſe der Wiſſenſchaft Liebig auf den Kampfplatz rief, und daß er bei aller Reizbarkeit ſich ſtets das Wort ſeiner Mutter vor Augen hielt: Sei gerecht, dein Name iſt Juſtus. Gerecht wollte er immer ſein, und er wurde es, wenn er die überzeugung gewann, daß der Gegner mit redlichen Mitteln nach der Wahrheit ſtrebte. So ſicher es iſt, daß Liebig nur ſo wie er war, ein ſchlagfertiger, kampfbereiter Kritiker, für die Entwickelung der Chemie ſo Großes leiſten konnte, ebenſo ſicher mag es ſein, daß der amtliche Verkehr mit ihm innerhalb der Univerſitätsverwaltung nicht ohne alle Reibungen ſich abwickeln ließ. Darf hieraus die allerdings befremdlich erſcheinende Thatſache erklärt werden, daß der hervor⸗ ragendſte Lehrer unſerer Hochſchule, der ihr 28 Jahre lang, davon 27 Jahre als ordentlicher Profeſſor angehört hat, niemals zum Rektor erwählt worden iſt? Oder hat Liebig, der eine geradezu beiſpiel⸗ loſe wiſſenſchaftliche und litterariſche Thätigkeit entfaltet hat und dabei, umringt von ſo vielen Schülern, ein unermüdlicher, anregender, geiſtſprühender Lehrer geweſen iſt, die Annahme eines ſolchen Ehrenamtes

ſtets mit Freude an die 28 Jahre zurück, die ich dort(in Gießen) verlebte; es war wie eine höhere Fügung, die mich an die kleine Univerſität führte. An einer großen Univerſität oder an einem größeren Orte wären meine Kräfte zer⸗ riſſen und zerſplittert und die Erreichung des Zieles, nach dem ich ſtrebte, ſehr viel ſchwieriger, vielleicht unmöglich geworden; aber in Gießen konzentrierte ſich alles in der Arbeit und dieſe war ein leidenſchaftliches Genießen. Mit dieſen Worten hat Liebig zugleich einen der weſentlichſten Gründe angegeben, aus denen man mit Zuverſicht auf die Dauerhaftigkeit der kleineren Univerſitäten ſchließen kann.

¹) Vergl. hierzu von vielen nur den draſtiſchen Brief Wöhlers an Liebig vom 9. März 1843(a. a. O., I., Seite 224):.. wieder Krieg zu führen,.. bringt keinen Segen, der Wiſſenſchaft nur wenig Nutzen. Du konſumierſt Dich dabei, ärgerſt Dich, ruinierſt Deine Leber und Deine Nerven zuletzt durch Moriſonſche Pillen. Verſetze Dich in das Jahr 1900, wo wir wieder zu Kohlenſäure, Ammoniak und Waſſer aufgelöſt ſind, und unſere Knochenerde viel⸗ leicht wieder Beſtandteil der Knochen von einem Hund iſt, der unſer Grab verunreinigt wen kümmert es dann, ob wir in Frieden oder in Ärger gelebt haben, wer weiß dann von Deinen wiſſenſchaftlichen Streitigkeiten, von der Aufopferung Deiner Geſundheit und Ruhe für die Wiſſenſchaft? Niemand aber Deine guten Ideen, die neuen Thatſachen, die Du entdeckt haſt, ſie werden, geſäubert von all dem, was nicht zur Sache gehört, noch in den ſpäteſten Zeiten bekannt und anerkannt ſein. Doch wie komme ich dazu, dem Löwen zu raten, Zucker zu freſſen! Zur Vervollſtändigung des Bildes ſei hier aus derdeutſchen Biographie das Wort Ladenburgs angeführt: Herausfordernd, kühn und kampfbereit im Sprechen und Schreiben, war ſein perſönlicher Verkehr von beſtrickender Liebenswürdigkeit. Noch heute ſchwärmen alle für ihn, die je ihn gekannt. Auf ſeine Schüler wirkte er mit dämoniſcher Macht, Freunde erwarb er ſich fürs Leben aus allen Berufsklaſſen.