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ſchiedener Einwürfe und Mißverſtändniſſe eingehende Verhandlungen über die Koſten, die Geländetrennung u. a. erforderlich. Daß Liebig perſönlich in die Verhandlungen eingriff, läßt ſich bei ſeinem ener⸗ giſchen und lebhaften Weſen erwarten. Er ſchreibt z. B. am 29. April 1839 an Wöhler:„Ich habe Dir lange nicht geſchrieben, weil ich in Beſchlag genommen durch den Neubau des Laboratoriums nach Darmſtadt mußte, von wo ich ſeit ein paar Tagen wieder zurück bin. Die Stände haben einſtimmig 12000 fl. dazu bewilligt und in wenigen Wochen wird damit, wie ich hoffe, begonnen....“ In einem Briefe vom 26. Juni:„Mein Laboratorium iſt in acht Tagen unter Dach; ich freue mich auf Dein Hierſein.“ Am 12. Auguſt:„Mache mir das Herz nicht ſchwer mit Pyrmont, Du weißt, daß ich nicht mitgehen kann, daß der Bau des neuen Laboratoriums, das jetzt unter Dach iſt, mich zwingt, die Ferien hierzubleiben, um die neue Einrichtung zu machen; ich kann keinen Tag, keine Stunde von hier weg. Aber ich rechne darauf, Dich mit Deiner Frau hier zu ſehen, damit mir das Leben genießbar werde. Wahrlich ich genieße es nicht; es iſt nicht der Mühe wert zu leben, man arbeitet, bis man krank iſt und macht ſich wieder geſund, um zu arbeiten und ſo geht es fort.“ Der Bau des Labora⸗ toriums geht inzwiſchen ſeiner Vollendung entgegen; es wird die Muſteranſtalt für die chemiſchen Unter⸗ richtslaboratorien überhaupt und behält dieſe Eigenſchaft noch für mehr als ein Decennium.(Vergl. das chemiſche Laboratorium der Ludewigs⸗Univerſität zu Gießen von J. P. Hofmann, mit einem Vor⸗ wort von Dr. Juſtus Liebig. Dazu acht Tafeln. Heidelberg, Winter, 1842.)
Nachdem Liebig, wie oben bemerkt, durch die Regierung in die Lage verſetzt war, die Be⸗ rufung nach Wien abzulehnen, kommt er vier Monate ſpäter, durch die Lebhaftigkeit ſeines Weſens veranlaßt, in einem Brief an Wöhler vom 18. Mai 1841 dazu, die Ablehnung des Rufes halbwegs zu bereuen. Baumgartner, Ettingshauſen, v. Reichenbach u. a. drängten in ihn, eine von einem gewiſſen Dr. Gruber in Wien gegen ihn gerichtete Schrift zu widerlegen, da ſie durch dieſelbe gewiſſermaßen mit getroffen wären, inſofern ſie Liebigs Berufung veranlaßt hätten. Seine mächtige Streitluſt läßt ihn an Wöhler folgende Worte ſchreiben:„Ich habe übrigens ſeit dem Erſcheinen dieſes Dings eine große, unbezwingliche Luſt bekommen, nach Wien zu gehen. Wenn ich nur wüßte, daß Du nach Gießen gingeſt. Ich bin überzeugt, der Tauſch würde Dich nie reuen. Ich könnte Dich überzeugen, daß meine ſämtlichen Einnahmen die Deinen übertreffen.“
Das Gewicht dieſer vertraulichen Mitteilung darf nicht unterſchätzt werden im Hinblick auf den durch nichts erſchütterten, nur durch den Tod gelöſten, innigen Freundſchaftsbund beider Männer).
Wir haben hier die vollgiltigſte Beſtätigung, ein unanfechtbares Zeugnis dafür, daß die Lage Liebigs— immer relativ genommen— gewiß keine ungünſtige war, daß ſeine Wünſche und wiſſen⸗ ſchaftlichen Beſtrebungen vollſte Würdigung und nach Möglichkeit auch Befriedigung gefunden haben ²).
¹) Vergl. z. B. die geradezu rührende Ausgleichung eines kränkenden Mißverſtändniſſes im Briefwechſel, I., Seite 193 bis 196 oder Seite 211 bis 218; beſonders aber die herrliche Schilderung, welche von Liebig ſelbſt herrührt, in der Rundſchau, Januar 1891, Seite 39.
²) Vergl. auch Liebig,„über den Zuſtand der Chemie in Preußen. 1840“, wo es a. a. O., Seite 29 heißt:„... Zur Ehre und zum Ruhm einer erleuchteten Staatsregierung und der Stände des Landes, welche die Bedürfniſſe der Zeit mit größerer Einſicht und Weisheit erkannt haben, wird in Gießen weit mehr für dieſe Zwecke verwendet. Der jährliche Fond des Laboratoriums beträgt 1500 fl.“ Und Seite 36:„Ich kenne kein Land, wo dieſe ſegenbringenden Inſtitute mit größerer Weisheit und Umſicht begründet worden ſind und gepflegt werden, wie im Großherzogtum Heſſen, wo ihr ſichtbarer und wirkſamer Einfluß mehr und dankbarer von allen Ständen anerkannt iſt.“ In den Aufzeichnungen in der„deutſchen Rundſchau, Januarheft 1891“ heißt es auf Seite 36 u. f.:„Ich denke


