Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte des chemischen Unterrichtes an der Universität Gießen : mit einem Plan / von G. Weihrich, Direktor des Großherzoglichen Realgymnasium und der Realschule in Gießen
Entstehung
[Giessen] [2018]
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Veranlaſſung nehmen, Anklagen gegen die Regierung und die Kollegen Liebigs zu erheben, iſt ungerecht, weil zunächſt in Folge menſchlicher Mangelhaftigkeit überhaupt der Würdige nicht immer das ihm Gebührende zugemeſſen erhält und ſomit die Teilung der materiellen Güter ſtets viel zu wünſchen übrig gelaſſen hat, weil ferner ältere Kollegen Liebigs beträchtlich ſchlechter bezahlt waren. Aus den Akten iſt zu erſehen, wie die Regierung ihr Verſprechen zur Beſänftigung Liebigs in der Antwort des Kanzlers von Linde auf den genannten Brief gehalten hat.

Am 18. November 1834 rückte Liebig von der 7. auf die 6. ordentliche Profeſſur vor mit einer Gehaltserhöhung von 50 fl.(alſo 850 fl. Gehalt). Es ſcheint, daß ſchon im folgenden Jahre von der Abzählung der Stellen völlig abgeſehen wird; denn in dem Dekret vom 13. Februar 1835 wird ihm einfach eine Gehaltserhöhung von 400 fl. verliehen. Nicht ganz zwei Jahre ſpäter, am 25. Januar 1837, wird ihm mit der beſonderen Begründungwegen Ablehnung einer Berufung nach St. Petersburg eine weitere Zulage von 400 fl., ſomit ein Gehalt von 1650 fl. zugebilligt. Die nächſte und weitaus größte Aufbeſſerung erfolgte gelegentlich der Berufung nach Wien. In dem hierauf bezüglichen Dekret vom 9. Januar 1841 wird nämlichwegen Ablehnung einer Berufung ſein Gehalt auf 3200 fl. feſtgeſetzt. Über die durch dieſe letztgenannte Berufung herbeigeführte Beſſerung ſeiner Verhältniſſe berichtet Liebig in mehreren Briefen an Wöhler(Briefwechſel, I., 167 ff.); er erzählt dabei auch, daß ſeine Regierungden Fond des Laboratoriums um 500 fl. erhöht habe,was ungefähr ſo gut wie eine Zulage iſt, da ich bisher genötigt war, das Defizit aus meiner Taſche zu decken. Gern hätte ich den Ruf nach Wien angenommen, der eine ſo außerordentlich begünſtigte Stellung bot, allein ich konnte nicht von hier weg, ohne miich mit dem Flecken der Undankbarkeit zu beſchmutzen und ehrlos zu machen.. Hier ſprach allein die wahrhaft edle Geſinnung Liebigs; in einem Briefe, der 14 Tage vorher geſchrieben wurde, kam etwas von ſeinem lebhaften, leicht erregten Temperament zum Ausdruck, wenn er ſchreibt:Meine Regierung fängt an, mich nicht gut zu behandeln, ſo daß es zweifelhaft wird, ob ich hier bleibe oder nach Wien gehe.

Worin die Regierung hier geſündigt hatte, ließ ſich nicht feſtſtellen; es fand ſich nur aus etwas früherer Zeit eine an die akademiſche Adminiſtrations⸗Kommiſſion gerichtete Verfügung vom 29. Mai 1839 folgenden Inhalts:,..

Wie bereits ſchon außeroffiziell zu Ihrer Kenntnis gekommen ſein wird, ſo iſt von den Ständen des Großherzogtums zur Beſtreitung der Koſten der projektierten Ver⸗ größerung des chemiſchen Laboratoriums zu Gießen die Summe von 12000 fl. für die laufende Finanzperiode in der Art verwilligt worden, daß hiervon 8000 fl. aus dem Kapital- vermögen der Univerſität und der Reſt von 4000 fl. für die inneren Einrichtungskoſten aus der Hauptſtaatskaſſe entnommen werden ſollen..

In Folge deſſen und der hierzu erteilten Allerhöchſten Genehmigung und da die

alsbaldige Vornahme dieſes Bauweſens dringend nötig erſcheint, haben wir die alsbaldige

Aufſtellung der Bauüberſchläge veranlaßt und den von der Großherzoglichen Oberbau⸗

direktion einſtweilen im allgemeinen gemachten Vorſchlägen und Anträgen über die Aus⸗ führung dieſes Bauweſens bereits heute unſere Genehmigung erteilt. du Thil. u iI.

Im weiteren kommen hierzu noch Vorſchriften über finanzielle Einzelheiten. Selbſtverſtändlich gingen dieſem Erlaß eingehende Erörterungen voraus zwiſchen allen Beteiligten; es mußte vieles mit der Verwaltung der Klinik, mit der Baubehörde u. a. vereinbart werden. Auch noch nachher waren zwiſchen der Adminiſtrations⸗Kommiſſion, dem Miniſterium und der Oberbaudirektion in Folge ver⸗