Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte des chemischen Unterrichtes an der Universität Gießen : mit einem Plan / von G. Weihrich, Direktor des Großherzoglichen Realgymnasium und der Realschule in Gießen
Entstehung
[Giessen] [2018]
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Die Verfügung ſetzt die Adminiſtrations⸗Kommiſſion in nicht geringe Verlegenheit; man fragt ſich, wo denn Liebig überhaupt ſeine Vorleſungen halten ſolle, wenn der neue Hörſaal erſt im nächſten Jahre erbaut werden könne. Zwar hat Profeſſor Adrian ein leer ſtehendes Zimmer bei der in unmittelbarer Nähe gelegenen Bibliothek zu dieſem Zweck zur Verfügung geſtellt; aber die Adminiſtrations⸗ Kommiſſion fürchtet die aus der Natur mancher chemiſchen Experimente erwachſende Feuersgefahr für die Bibliothek. Ju der auf dieſe Vorſtellung hin erlaſſenen Verfügung vom 11. September erklärt das Miniſterium, keine Fonds zu beſitzen, auch keine Nachforderungen den Ständen vorlegen zu können; alle aus der Ausführung der Verfügung vom 31. Juli entſtehenden Koſten ſeien ausſchließlich aus den Mitteln der Univerſität zu beſtreiten. Ebenſo habe die Adminiſtrations⸗Kommiſſion Sorge zu tragen, daß für die vorerſt verſchobenen Bauten im nächſten Jahre Mittel bereit geſtellt werden.

Wahrſcheinlich auf der Rückkehr von Baden⸗Baden nahm Liebig bei ſeinen Verwandten in Darmſtadt noch einen kurzen Aufenthalt und lernte hier die Annehmlichkeiten der durch ein neues Ofengeſchäft daſelbſt ſeit kurzem verbreiteten Fayence⸗Ofen kennen. In einem Schreiben, dat. Darmſtadt, den 23. September 1833, erſucht er nämlich die Adminiſtrations⸗Kommiſſion für die Arbeitsräume (Laboratorium, Privatlaboratorium, Wagezimmer) 3 Fayence⸗Ofen der gleichmäßigen Wärme wegen anzuſchaffen, dagegen den jetzt im Laboratorium ſtehenden eiſernen Ofen für das im nächſten Jahre zu erbauende Auditorium, das ja doch nur auf 2 oder 3 Stunden täglich zu erwärmen ſei, aufzubewahren. Der Univerſitäts⸗ und Kreisbaumeiſter Hofmann erklärt darauf, daß die für die beiden eiſernen Ofen vorgeſehenen Beträge bei weitem nicht für jenen Zweck ausreichten, wogegen dann Liebig wieder aus Darmſtadt ſchreibt, er wolle den Mehrbetrag aus ſeiner Taſche bezahlen und bitte nur die Adminiſtrations⸗Kommiſſion um die Zuſtimmung zur Anſchaffung jener Fayence⸗Ofen. Selbſtverſtändlich hat die Adminiſtrations⸗Kommiſſion hiergegen nichts einzuwenden.

Ebenſo bezeichnend für Liebigs Weſen iſt auch folgende Epiſode. In einem Berichte vom 26. Oktober 1833 macht er die Adminiſtrations⸗Kommiſſion darauf aufmerkſam, daß der Bau des Auditoriums zu beginnen ſei, ſobald es die Witterung im Frühjahr 1834 geſtattete. Damit dann die Maurer nicht durch die Arbeiten im Steinbruch aufgehalten ſeien, müßten ſchon jetzt die Steine gebrochen, bearbeitet und angefahren werden. Nach einer mit Herrn Staatsrat Linde getroffenen Verabredung wolle er mit deſſen ausdrücklicher Zuſtimmung die zur Beſchaffung der Baumaterialien erforderlichen Ausgaben aus eigner Taſche vorlagsweiſe beſtreiten, da die Fonds der Univerſität derzeit erſchöpft ſeien. Dieſem Angebot jedoch widerſtanden die Mitglieder der Adminiſtrations⸗Kommiſſion aus Gründen der Rückſicht, des Zartgefühls oder in Folge rein theoretiſcher Erörterungen über die zu über⸗ nehmende Verbindlichkeit gegen Liebig. In dieſer letzteren Hinſicht werden ſie beſtärkt, als der Bau⸗ meiſter berichtet, daß die ſoeben nahezu vollendete Bauveränderung ſtatt der hierfür vorgeſehenen 408 fl. in Folge unvorhergeſehener Arbeiten(Erſatz von verfaultem Gebälk u. ſ. w.) über 640 fl. beanſpruche, wodurch die ganze Finanzwirtſchaft noch mehr in Verwirrung gerate.

Wo Liebig im Winter 1833/34 ſeine Vorleſungen gehalten hat, ließ ſich aus den ein⸗ geſehenen Akten nicht erkennen; in verſchiedenen Eingaben(vom 16. März und 17. April 1834) erſtrebt er die Mitbenützung des ihm zu allernächſt liegenden Auditoriums der mediziniſchen und chirurgiſchen Klinik. Nach Anhörung des Direktors des akademiſchen Hoſpitals, des Profeſſor Balſer, lehnt das Miniſterium die Genehmigung ab, verfügt jedoch, daß eines der leeren Zimmer der Bibliothek einſt⸗ weilen als Hörſaal für die chemiſchen Vorleſungen zu benützen ſei.

Während des Jahres 1834 ruht der Bau des Auditoriums völlig, obwohl man für dieſes Jahr den zweiſtöckig gedachten Anbau nach Sonnemanns Voranſchlag mit 3522 fl. in das Univer⸗