Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte des chemischen Unterrichtes an der Universität Gießen : mit einem Plan / von G. Weihrich, Direktor des Großherzoglichen Realgymnasium und der Realschule in Gießen
Entstehung
[Giessen] [2018]
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hypochondriſchen Stimmungen entſpringen nur aus krankhaften körperlichen Vorgängen. Zu den erſteren gehört auch Dein Mißtrauen gegen Magnus, der aus den Wolken gefallen ſein wird, wenn er hört, wie Du ſeine Schreibnachläſſigkeit ſo übel deuteſt. Glaube mir auf mein Wort, Magnus iſt der vor⸗ trefflichſte Charakter, das beſte Herz, der unveränderlichſte Freund, den es geben kann...

Als Wöhler dies geſchrieben, war Liebig ohne Zweifel körperlich leidend und in einem gereizten Seelenzuſtand. Neun Jahre der angeſtrengteſten Geiſtesarbeit hatten ihre Spuren hinterlaſſen. Entdeckung auf Entdeckung häufend, hatte er ſich bereits durch die gebildete Welt einen Namen gemacht, durch den Kaliapparat die organiſche Analyſe neu begründet, für den chemiſchen Unterricht die Methode gefunden. Aus Deutſchland nicht nur, aus England und Frankreich kamen Schüler zu ihm; ſelbſt ſein Lehrer Gay-Luſſac ſchickte ihm aus Paris den Sohn nach Gießen. Das Laboratorium konnte die Schüler nicht faſſen. Aufgerieben durch Anſtrengung, Kampf und Arger ging er in den Herbſtferien nach Baden⸗Baden. Von da ſchrieb er den berühmten Brief¹) an den Geheimen Staatsrat von Linde, um ſeinem gepreßten Herzen Luft und ſeiner Lage gewaltſam Beſſerung zu verſchaffen. Carriere giebt über die nächſte Veranlaſſung dazu folgende kurze Aufklärung:Liebig hatte den Bau eines Auditoriums verlangt, um dadurch für das Laboratorium mehr Raum zu gewinnen; man hatte darunternur ſein Privatintereſſe geſehen und dem Antrag keine Folge gegeben.

Kolbe') ſagt in ſeinen Erinnerungsworten in Bezug auf dieſen Brief:Was Liebig mit den ſchlagendſten Argumenten und eindringlichſten Vorſtellungen nicht hatte erreichen können, bewirkte ſchnell jener Brief. Solch ſchweren Geſchützes bedurfte es, um dem Miniſter das, was er aus Mangel an gutem Willen und Einſicht nicht gewähren wollte, durch die Furcht vor dem öffentlichen Skandal abzunötigen. Es war wenig genug, was Liebig jetzt bewilligt wurde, aber genügte vorderhand ſeinen ſtets beſcheidenen Anſprüchen. Jener Brief bleibt für die Geſchichte der Entwickelung der Chemie in Deutſchland ein wichtiges Dokument. Wir erſehen daraus, wie geringes Verſtändnis für die Bedeutung und den Nutzen der Chemie denn das Utilitätsprinzip ſtand damals, wie noch viel ſpäter, bei den Kuratoren nicht blos der Univerſität Gießen, ſondern auch vieler anderer Univerſitäten in großer Geltung in den ſtaatsleitenden Kreiſen zu finden war, wir entnehmen daraus mit Verwunderung, daß zu einer Zeit, wo der Name Liebig weit über die Grenzen Deutſchlands hinaus mit Achtung und Bewunderung genannt wurde, der Miniſter in Darmſtadt keine Ahnung von der Größe des Mannes hatte oder haben wollte, der Gießen nach außen hin hauptſächlich Ruhm und Glanz verlieh.

Auf die Frage, was hat Liebig mit ſeinem Brief erreicht, giebt Carriere die Antwort, der Kanzler von Linde habe ihm erwidert, daß eine Verfügung wegen des Baues und der Einrichtungen des Laboratoriums nach Gießen ergangen ſei. Liebig ſelbſt aber ſchreibt am 18. Februar 1834 an Wöhler:Du haſt mich, beiläufig geſagt, die Weihnachten ſchändlich geärgert, erſt machſt Du mir den Mund wäſſerig und kommſt nachher hochmütig, mir zu ſagen, Du habeſt Dich anders be⸗ ſonnen, ohne einen Grund anzuführen, als Deine Laune. Nichts hat Dich abzuhalten, hierherzukommen, es war nur Laune. Ich hatte mich um ſo mehr auf Dein Kommen gefreut, da meine jetzige Einrichtung ein wahrhaft ſüßes Arbeiten erlaubt, warmes Laboratorium, reinlich, hell, mit allen Agréments und Conforts verſehen. Ich hoffe, Du machſt mir dennoch die Freude, die nächſte Arbeit gemeinſchaftlich mit mir zu machen. Was iſt ge⸗ ſchehen, um in Zeit von kaum vier Monaten dieſen Wechſel der Stimmung hervorzurufen, zu Tode betrübt

¹) Carriere, Lebensbilder, S. 304. ²) J. f. p. Ch. 1874, S. 438.