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oder ungeſtümen Energie Liebigs vorbehalten, die übergroßen Schwierigkeiten zu beſeitigen, die ſich der Verwirklichung einer chemiſchen Unterrichtsanſtalt im wahren Sinne des Wortes, oder ſo, wie er ſie ſich dachte, entgegenſtellten. Als Forſcher und als Lehrer hat er ſich bald einen europäiſchen Ruf erworben, ſo daß nach wenigen Jahren das ſeit 1825 eröffnete Laboratorium völlig unzureichend wurde. Alle Bemühungen Liebigs, eine Erweiterung des Gebäudes zu ermöglichen und den Zuſchuß für Laboratoriumszwecke zu erhöhen, blieben vorläufig unerfüllt. Hierfür nun kurzerhand die Regierung oder die Univerſität verantwortlich zu machen, iſt zwar naheliegend, aber völlig ungerechtfertigt, wie im einzelnen gezeigt werden ſoll. Zunächſt iſt zur richtigen Beurteilung der Regierung bei dieſer Frage die ganze politiſche Lage zur Zeit der Julirevolution, die Stellung des Miniſteriums du Thil gegenüber der gemäßigten und der radikalen Oppoſition in der zweiten Kammer, die doch die Mittel zu bewilligen hatte, zu beachten; man hat an die kleinen Aufſtände und Tumulte zu denken, gegen welche Belagerungs⸗ zuſtand und Militärmacht aufgeboten werden mußte und welche u. a. zu dem unglückſeligen Ereignis von Södel in der Wetterau und einige Zeit ſpäter zu dem thörichten Sturm auf die Haupt- und die Konſtabler⸗Wache in Frankfurt führten. Man darf die Schwierigkeiten nicht überſehen, welche der Regierung aus Anlaß des mit Preußen eingegangenen Zollvereins erwuchſen, den z. B. der hochangeſehene Profeſſor der Forſtwiſſenſchaft Hundeshagen als den Ruin Heſſens bezeichnete und der den patriotiſchen und klarſehenden Miniſter du Thil bei maßgebenden Kreiſen in den Verdacht brachte, als treibe er preußiſche Politik; welche ferner alle ſüddeutſche Regierungen zu überwinden hatten, inſofern ſie die, das Volk ſo mächtig aufregenden Bundestags⸗Beſchlüſſe vor den Kammern zu verteidigen und durchzu⸗ führen gezwungen waren. Und ganz beſonders iſt es der große und langwierige Streit zwiſchen Regierung und Kammer wegen der Regelung der Zivilliſte und der Trennung der ſog. Haus⸗ und Staatsdomänen geweſen, welcher die damaligen Kammerverhandlungen ſo unerquicklich machte und für einige Zeit alle andern Fragen in den Hintergrund drängte.
An dem guten Willen der Univerſität, Liebigs Beſtrebungen zu unterſtützen, hat es gleichfalls nicht gefehlt; beſonders der Phyſiker Schmidt trat mit ſeinem ganzen Einfluß für Liebig ein. Nachdem früher immer die Majorität es abgelehnt hatte, für den Profeſſor der Chemie einen Diener zu beſolden(vergl. oben bei der Ernennung Zimmermanns zum Ordinarius), wurde die im Jahre 1827 von Liebig zuerft ſchriftlich ausgeſprochene Bitte erfüllt. Mit ſeiner ſcharfen und klaren Begründung veranlaßte Schmidt, daß faſt alle Votanten, wenn auch der eine oder andere mit Vorbehalten, nicht gegen die Gewährung des Geſuches waren. Uebereinſtimmend mit den Anträgen der Univerſität wird am 19. November 1827 durch den Miniſter v. Grolman verfügt, daß für den Diener am chemiſchen Laboratorium 150 fl. bereit zu ſtellen ſeien,„die Wahl des Subjektes aber dem Profeſſor der Chemie zu überlaſſen ſei.“ Das war ein Erfolg, der acht Jahre vorher ganz unmöglich zu erreichen war und der erzielt wurde nur deshalb, weil auch den Theologen, Philoſophen und Juriſten bereits ein Dämmer⸗ ſchein von der Bedeutung Liebigs und ſeiner Wiſſenſchaft aufgegangen war. Mehr Mühe machte es freilich, gegen die Unzulänglichkeit des Laboratoriums ein Mittel zu finden.
Am 23. Juni 1833 richtet Wöhler in einem aus Kaſſel geſchriebenen Briefe folgende Apoſtrophe an Liebig:„Dein Unwohlſein und Dein grauer Humor gehen uns, Buff und mir, ſehr zu Herzen. Wir freuen uns aber über Deinen guten Entſchluß, ins Bad zu gehen. Ich erwarte davon eine gute Wirkung, vorausgeſetzt, daß Du einigermaßen das Talent haſt, während dieſer Zeit den Profeſſor der Chemie und die ganze Chemie ſamt der ganzen philoſophiſchen Fakultät in Gießen zu vergeſſen, den ganzen Tag mit Nichtigkeiten hinzubringen, amüſante Romane zu leſen, für hübſche Geſichter und Geſtalten Sinn zu haben und nur auf Pflegung Deines Körpers zu denken, denn die


