Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte des chemischen Unterrichtes an der Universität Gießen : mit einem Plan / von G. Weihrich, Direktor des Großherzoglichen Realgymnasium und der Realschule in Gießen
Entstehung
[Giessen] [2018]
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Profeſſor Hildebrandt, der außerdem noch Meteorologie, Phyſik, Diätetik und allgemeine Patho⸗ logie und Therapie zu lehren hatte.In dem praktiſchen Teile der Chemie ſchien es ihm in den erſten Jahren noch an Übung zu fehlen, aber ſpäterhin waren auch ſeine Experimente ſehr glücklich.

Der Nachfolger Hildebrandts war der aus Bonn berufene Kaſtner. In Bezug auf ihn ſchreibt Liebig ſelbſt in den jüngſt von dem Sohne, Georg von Liebig, in derDeutſchen Rundſchau(Januar⸗Heft 1891) veröffentlichten Aufzeichnungen:Vom Katheder herab empfing der Zuhörer eine Fülle geiſtreicher Anſchauungen, aber körperlos, wie ſie waren, konnte man damit nichts machen. Der Vortrag von Kaſtner, welcher als der berühmteſte Chemiker galt, war ungeordnet, unlogiſch und ganz wie die Trödelbude voll Wiſſen beſchaffen, die ich in meinem Kopfe herumtrug. Die Beziehungen, die er zwiſchen den Erſcheinungen auffand, waren etwa nach folgendem Muſter:

Der Einfluß des Mondes auf den Regen ſei klar, denn ſobald der Mond ſichtbar ſei, hörten die Gewitter auf; oder der Einfluß der Sonnenſtrahlen auf das Waſſer zeige ſich an dem Steigen des Waſſers in den Gruben der Bergwerke, von denen manche im hohen Sommer nicht bearbeitet werden könnten. Daß man den Mond ſieht, wenn die Gewitter ſich verzogen haben und daß das Waſſer in den Gruben ſteigt, wenn im Sommer die Bäche verſiegen, welche die Pumpen treiben, waren allzu hausbackene Erklärungen, um ſie in den geiſtreichen Vorträgen damals zu gebrauchen. Ferner:Man hatte das Ziel der Wiſſenſchaft, und daß ſie nur Wert habe, wenn ſie dem Leben nütze, beinahe aus den Augen verloren, und man gefiel ſich in einer idealen Welt, die mit der wirklichen in keinem Zuſammenhang mehr ſtand.

Der Experimental⸗Unterricht in der Chemie war auf den Univerſitäten beinahe untergegangen und nur durch die hochgebildeten Pharmaceuten Klaproth, Hermbſtädt, Val. Roſe, Tromms⸗ dorf, Buchholz hatte er ſich, freilich auf anderem Gebiete, erhalten.

Ich erinnere mich, daß noch ſehr viel ſpäter mir der Profeſſor der Chemie in Marburg, Wurzer, eine alte hölzerne Tiſchſchublade zeigte, in welcher das Vermögen wohnte, von drei zu drei Monaten Oueckſilber zu erzeugen; er beſaß einen Apparat, deſſen Hauptbeſtandteil ein thönerner Pfeifen⸗ ſtiel war, mit dem er Sauerſtoffgas in Stickſtoff verwandelte; der poröſe Pfeifenſtiel wurde nämlich zwiſchen Kohlen glühend gemacht und Sauerſtoff durchgeleitet.

Chemiſche Laboratorien, in welchen Unterricht in der Analyſe erteilt wurde, beſtanden damals nirgendwo; was man ſo nannte, waren eher Küchen, angefüllt mit allerlei Ofen und Geräten zur Aus⸗ führung metallurgiſcher und pharmaceutiſcher Prozeſſe. Niemand verſtand eigentlich die Analyſe zu lehren. Ich folgte ſpäter Kaſtner nach Erlangen, da er mir verſprochen hatte, einige Mineralien mit mir zu analyſieren. Er wußte es aber leider ſelbſt nicht, und niemals führte er eine Analyſe mit mir aus.

Das hier Erwähnte möge genügen, um im Zuſammenhange mit den obigen Schilderungen aus Gießen ein Bild zu gewähren von der Stellung der Chemie im akademiſchen Unterrichte noch bis zu den zwanziger Jahren unſeres Jahrhunderts.Niemand, ſagt Kolbe a. a. O.,hat den Mangel der deutſchen Univerſitäten an den zum Studium der Chemie nötigen Hilfsmitteln und Einrichtungen ſchmerzlicher empfunden als Liebig. Er trat deshalb im Jahre 1824 ſeine Profeſſur in Gießen mit der feſten Abſicht an, nicht blos Chemie vom Katheder herab vorzutragen, ſondern ein Laboratorium für den experimentellen Unterricht zu gründen, ohne welchen eine mehr als elementare Bekanntſchaft mit der Chemie nun einmal nicht erworben werden kann¹). Es war der Begeiſterung und der zähen

¹) K. J. f. pr. Ch. 1874, S. 434.