Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte des chemischen Unterrichtes an der Universität Gießen : mit einem Plan / von G. Weihrich, Direktor des Großherzoglichen Realgymnasium und der Realschule in Gießen
Entstehung
[Giessen] [2018]
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der Naturforſcher Delius. Sein Laboratorium hatte er ſich in dem hinteren Teile ſeines Wohn⸗ hauſes eingerichtet. Martius erzählt merkwürdige Dinge von ihm; ſein Sinn ſei ſehr aufs Praktiſche gerichtet geweſen und gelegentlich einer Disputation habe er zum Zweck einer demonstratio ad hominem ſich ein Gewehr in die kleine Aula bringen laſſen, dasſelbe mit einem Unſchlittſtümpfchen geladen und damit ein vorgehaltenes Brett durchſchoſſen. Zu ſolchen Späßen hatten damals die Chemiker noch aus⸗ reichend Zeit. Als Delius in Folge eines Schlaganfalls 1791 plötzlich geſtorben war, teilten ſich die Hofräte Wendt und Schreber in deſſen Vorleſungen, ſo daß der Letztere die Chemie zu ſeinen vielen Fächern übernahm. Durch letztwillige Verfügung hatte Delius ſeine Sammlung chirurgiſcher Inſtrumente und ſeinen chemiſchen Nachlaß der Univerſität vermacht. Mit der Übernahme des Letzteren wurde Martius beauftragt, der auf Schrebers Verlangen ihm als Aſſiſtent beigegeben wurde. Um ein Laboratorium zu erlangen, wurde die Wand, welche Schrebers Haus vom Nachbarhaus trennte, durch⸗ brochen und eine hier befindliche Küche zu jenem Zweck hergerichtet. In ihr ſollte der brauchbare Teil aus dem Deliusſchen Nachlaß das Inventar bilden.Die Beſichtigung desſelben, erzählt Martius, erfüllte mich mit Schrecken. Eine Unmaſſe ganzer und zerbrochener Gläschen und Gläſer enthielt Flüſſigkeiten von allen Farben und dem verſchiedenartigſten Geruche, die meiſten mit keinen oder ganz verdorbenen Etiketten verſehen und überkruſtet mit Kryſtalliſationen. Das Wenigſte konnte in dem kleinen neuen Laboratorium Platz finden, das Meiſte war des Aufhebens nicht wert. Es wurde daher im botaniſchen Garten eine tiefe Grube gegraben zur Aufnahme jener Gläſer ſamt ihrem Inhalt. Martius ſchildert des Breitern das hier entſtandene Gebrodel, das man mit aufgeſchüttetem Sand dämpfen mußte, und er verſpricht einem Chemiker der Jetztzeit an dieſer Stelle gewiß ſchöne Ent⸗ deckungen. Er erzählt von Schreber, daß er alsbald nach Delius Tode auch zum Präſidenten der Kaiſerlichen Akademie der Naturforſcher erwählt worden ſei, daß er auf dieſe Ehrenſtelle als Schüler von Linné, als umfaſſender Gelehrter und fruchtbarer gründlicher Schriftſteller Anſpruch gehabt habe. Die Vielſeitigkeit Schrebers wird damit belegt, daß er in der mediziniſchen Fakultät Botanik, Phyſiologie, Diätetik, materia alimentaria, in der philoſophiſchen Fakultät dagegen Landwirtſchaft, Technologie, Kameralwiſſenſchaft, Polizei und nunmehr auch noch Chemie vorgetragen hat.Seiner großen Gelehrſamkeit ungeachtet iſt er kein anregender Lehrer geweſen. In ſeinen Vorträgen beſchränkte er ſich meiſtens darauf, irgend ein Kompendium abzuleſen und etwa durch Vorzeigung der betreffenden Gegenſtände oder durch wenige Worte zu erläutern. Er benützte die beſten Werke der chemiſchen Litteratur, mit dem operativen Teile dieſer Wiſſenſchaft hat er ſich jedoch nie abgegeben.Vor den Mineralſäuren ſcheute er ſich, und eine Retorte oder einen Schmelztiegel hat er wohl nie in die Hand genommen. Martius, der die Experimente machen ſollte, vermochte trotz aller ſeiner Bemühungen bei Schrebers Ängſtlichkeit und Unentſchloſſenheit niemals zu einer beſtimmten Anordnung dieſer Ex⸗ perimente zu gelangen.Heute müſſen wir Seife ſieden, rief er mir zu, als ich einſtens ins Haus trat.Vergeblich bemerkte ich ihm, daß hierzu keine Vorbereitung getroffen ſei, und daß ich mich wegen der Kürze der Zeit zur Bereitung der vorhandenen Auflöſung des kauſtiſchen Kali bedienen müſſe. Aber es mußte Aſche geſiebt und ungelöſchter Kalk herbeigeſchafft werden. Ehe dies alles zu Stande kam, war aber auch die Stunde abgelaufen. Und ſo ging es öfters. Allmählich gewinnt Martius als Aſſiſtent doch mehr Einfluß und es nimmt ſich wie eine Bekehrung aus, wenn er ſchreibt:Unſere Experimente ſuchten ſich dem damaligen Stande der Wiſſenſchaft möglichſt zu accommodieren, und wir brachten die Fundamentalerſcheinungen der neuen Lehren von Prieſtley, Scheele und Lavoiſier in dem jährlichen Kurſus glücklich zur Anſicht der lernbegierigen Zuhörer. Neben und nach Schreber( 1810) lehrte ſeit 1793 die Chemie der vom Karolinum zu Braunſchweig berufene