Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte des chemischen Unterrichtes an der Universität Gießen : mit einem Plan / von G. Weihrich, Direktor des Großherzoglichen Realgymnasium und der Realschule in Gießen
Entstehung
[Giessen] [2018]
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die ganze Thatkraft des der letzteren ſo ſehr gewogenen Miniſters von Grolman 6. B. bezüglich des von dem Kriegsminiſterium als unerläßliche Vorbedingung der Übergabe verlangten Reverſes zur ſofortigen Räumung, falls wieder Militär nach Gießen verlegt werden ſollte; durch eine ſehr kluge und diplomatiſche Auslegung dieſes Reverſes förderte von Grolman die ganze Angelegenheit zu Gunſten der Univerſität ungemein). Wie erbärmlich die einzelnen Inſtitute der Univerſität untergebracht waren, kann ſchon aus den vielen Wünſchen erkannt werden, die in den verſchiedenen Gutachten in Betreff der zukünftigen Verwendung der Räumlichkeiten der Kaſerne laut wurden.

Lange bevor man über die dahin zu verlegenden Inſtitute im Klaren war, iſt ſchon durch eine Miniſterialverfügung vom 24. Dezember 1823 das chemiſche Laboratorium als dasjenige Inſtitut be⸗ zeichnet worden, für welches die Beſchaffung eines neuen Raumes am dringendſten ſei, während ſchon vorher Verhandlungen über einen Neubau in der Adminiſtrations⸗Kommiſſion eröffnet wurden, die den Profeſſor Vogt im Februar 1823 veranlaßten, die mediziniſche Fakultät aufzufordern, bei dieſen Ver⸗ handlungen ſich wegen der Pharmacie zu beteiligen. In einer ſpäteren Verfügung weiſt der Miniſter auf eines der zwei öſtlichen Nebengebäude als den geeignetſten Raum hin. In ſeinem hierdurch ver⸗ anlaßten Gutachten vom 17. Februar 1824 verlangt der Phyſiker Schmidt mit guter Begründung anſtatt der öſtlichen vielmehr das weſtliche Nebengebäude für jenen Zweck. Bei dieſer Gelegenheit war es nun, daß ein hochbetagtes Mitglied der philoſophiſchen Fakultät nicht verſtehen zu können erklärt, warum der Geheimerat Schmidt, der doch ſo viele Verdienſte habe, ſich mit dem ihm für das phyſikaliſche Inſtitut zugewieſenen Winkel im alten Zeughaus begnüge.

Während dieſer Vorverhandlungen war Liebig noch in Paris ¹); erſt im April 1824 war er ausweislich eines an Platen gerichteten Briefes in Darmſtadt angekommen, nachdem er bis dahin und zwar ſeit März 1823 bei Cuvier, Biot, Laplace, Beutany, Thenard, Gay⸗Luſſac und Dulong Vorleſungen gehört und ſeit Juli 1823 in Gay⸗ Luſſacs Laboratorium gleichzeittg mit Dumas gearbeitet hatte. Inzwiſchen war die Ernennung Liebigs zum außerordentlichen Profeſſor in Gießen vollzogen und da er, wie es ſcheint, ſeine Vor⸗ leſungen erſt im Winterſemeſter 1824/25 begann ²), ſo darf mit gutem Recht angenommen werden, daß er auf die Entſcheidung des Miniſters vom 26. Auguſt 1824 inſofern keinen ändernden Einfluß aus⸗ übte, als der von Schmidt am 17. Februar begründete und von der Majorität der Profeſſoren ge⸗ billigte Vorſchlag vom Miniſter vollſtändig genehmigt wurde. Da in dieſer allgemeinen, die Verwendung der Kaſerne für die Zwecke der Univerſität regelnden Verfügung die letztere den Auftrag erhielt, mit einem Kommiſſar des Miniſteriums und einem Vertreter der Gießener Regierung in gemeinſamer Beratung für die Unterbringung eines kleineren Militärkommandos, der Gendarmerie, ſowie endlich des Lieutenants Volz Vorſorge zu treffen; da ferner das Gebäude recht vernachläſſigt war und für die verſchiedenen neuen Zwecke erſt hergerichtet werden mußte, ſo war ohne Zweifel das chemiſche Labo⸗ ratorium das erſte dahin verlegte Inſtitut. Das weſtliche Nebengebäude der Kaſerne wurde alſo Liebig ohne ſein Zuthun dargeboten, um es für ſeine Zwecke einzurichten. Zu ebener Erde waren die Arbeits⸗ räume, im oberen Stocke Liebigs Dienſtwohnung, in welche er bereits im Mai 1826 ſeine junge Gattin, Henriette Moldenhauer aus Darmſteadt, einführte. Gegenüber dem verfallenden Gartenhäuschen nahm ſich dieſes Gebäude wie ein Palaſt aus und doch wie beſchränkt waren die für Unterrichts⸗

1) Carriere, a. a. O. S. 295. ²) Den Dienſteid legte Liebig im Beiſein des Rektors Dr. Palmer vor dem Kanzler Dr. Arens ab

am 17. Juli 1824.