Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte des chemischen Unterrichtes an der Universität Gießen : mit einem Plan / von G. Weihrich, Direktor des Großherzoglichen Realgymnasium und der Realschule in Gießen
Entstehung
[Giessen] [2018]
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Dieſem Gutachten traten bei Hundeshagen, Adrian, Snell, Umpfenbach. Der Profeſſor der hebräiſchen Sprache, Pfannkuche, iſt entſchieden dagegen, weil 1) Liebig erſt kurze Zeit außerordentlicher Profeſſor iſt, 2) als ſolcher ſchon Zulage erhalten hat und weil man 3) ihm durch eine neue Zulage von etwa 200 fl. die durch Zimmermanns Tod ihm erwachſene Arbeitsvermehrung ausreichend bezahlen kann. Hillebrand iſt im allgemeinen dafür, doch ſcheint ihm die Auswerfung des ganzen Gehaltes, den ſeither Zimmermann bezog, zuviel Cumulation, da doch Liebig noch kaum ein Jahr lang außerordentlicher Profeſſor iſt. Oſann erklärt ſich außer Stande, den Wert Liebigs zu ſchätzen, er will daher der zu Stande kommenden Majorität beitreten; doch glaubt er, daß die 9 Monate Lehrthätigkeit Liebigs nicht ausreichend ſeien, um die Befähigung als akademiſcher Lehrer zu beurteilen. Crome ſtimmt im allgemeinen Schmidt bei, aber er will auchdie ſehr richtigen Bemerkungen von Pfannkuche(!), Hillebrand und Oſann beachtet wiſſen. Doch will er zugeben,daß es auch Ausnahmen von der Regel geben kann.

Hiernach kann alſo behauptet werden, daß innerhalb der philoſophiſchen Fakultät nur der Profeſſor des Hebräiſchen entſchieden gegen Liebigs Ernennung zum Ordinarius war. Nach dieſem Präliminarvotum der philoſophiſchen Fakultät wurde nun der ganze Senat gehört. Der hier ein⸗ gehaltene Geſchäftsgang war damals und iſt wohl auch noch heute der übliche; ſomit iſt die Bemerkung in der Feſtrede des Geheimerates vöon Hofmann vom 28. Juli 1890 zu verbeſſern und richtig⸗ zuſtellen,daß die Regierung ein Gutachten der vereinigten philoſophiſchen und mediziniſchen Fakultät in dieſer ſchwierigen und heiklen Frage verlangt habe. Die philoſophiſche Fakultät brachte ganz ordnungs⸗ mäßig und ohne alle beſondere Einwirkung der Regierung vor den Senat den Antrag: Die Univerſität möge die Ernennung Liebigs zum ordentlichen Profeſſor der Chemie mit einem Gehalte von 800 fl. u. ſ. w. befürworten. Der Juriſt von Arens ſtimmt mit G. G. Schmidt überein, daß unter den hier vorliegenden Umſtänden kein auswärtiger Chemiker berufen werden könne. Dem ſtimmen bei die Juriſten von Lindelof, Marezoll; die Theologen Palmer, Dieffenbach und Schmidt; aus der mediziniſchen Fakultät: Wilbrand; ſehr energiſch tritt Vogt für Liebig ein, indem er alles Hinhalten ablehnt und eine Anerkennung Liebigs als Chemiker und Dozent un⸗ geſäumt verlangt. Seine Leiſtungen ſeien über allen Zweifel erhaben. Wenn einige Votanten den ganzen Gehalt Zimmermanns bei der Jugend Liebigs für zu viel hielten und deshalb die Ex⸗ perimentiervergütung in den Gehalt eingezogen wiſſen wollten, ſo ſei das ſeine Meinung nicht. Bei dieſem Punkte hebt der Mediziner von Ritgen an und verlangt für Liebig eine Beſoldung von 1000 fl. Der Juriſt Stickel iſt dafür; doch ſtimmt er für den Gehalt von 800 fl. nur unter der Bedingung, daß alle ordentlichen Profeſſoren dieſen Gehalt bekommen. Wie ſchon oben bemerkt, erhebt von Löhr Schvierigkeiten bezüglich der Stelle; er erkennt aber Liebigs Bedeutung an und iſt des⸗ halb dafür, ihn zum ordentlichen Profeſſor der Philoſophie zu ernennen, doch hat er Bedenken bezüglich der Beſoldungshöhe im Vergleiche mit dem Gehalte der andern ordentlichen Profeſſoren. Das ent⸗ ſchiedene Eingreifen Balſers iſt gleichfalls oben ſchon berührt worden. Ablehnend in dem entſchiedenen Sinne Pfannkuches votiert der Theologe Kühnöl.

Der Bericht mit ſämtlichen Voten geht unter dem Datum des 20. November 1825 nach Darmſtadt, am 7. Dezember erfolgt die Unterzeichnung des Allerhöchſten Dekretes, wonach Liebig zum ordentlichen Profeſſor der Chemie ernannt iſt. In einer Verfügung vom 8. Dezember beſtimmt das Miniſterium, daß Liebigſelbſtverſtändlich auch die von ſeinem Vorgänger bezogenen 120 fl. als Vergütung für Experimente zu beziehen hat. Auch von dieſer wichtigen Veränderung im Lehrkörper der Univerſität nimmt der Exdekan Crome keine Notiz, obwohl er im Dekanatsbuch ſehr umſtändlich