Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte des chemischen Unterrichtes an der Universität Gießen : mit einem Plan / von G. Weihrich, Direktor des Großherzoglichen Realgymnasium und der Realschule in Gießen
Entstehung
[Giessen] [2018]
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Um den Faden unſerer Erzählung wieder aufzunehmen, müſſen wir auf die Ereigniſſe nach Zimmermanns Tode zurückkommen. Selbſtverſtändlich drängte ſich der Univerſität als nächſte Frage die der Wiederbeſetzung der erledigten Profeſſur auf. Wie wenig der Begriff der Beſtändigkeit und der inneren Notwendigkeit einer ſolchen Stelle ſich eingelebt hatte, trotzdem dieſelbe von 1777 bis 1788 und 1819 bis 1825 beſtand, dürfte aus dem Votum des Juriſten von Löhr zu entnehmen ſein, das dieſer gelegentlich der, wegen der Wiederbeſetzung gepflogenen, nachher noch zu beſprechenden Verhandlungen abgab. Hiernach brauchte die erledigte Stelle gar nicht beſetzt zu werden, da ſie nicht beſtehe. Dem Senate ſei ja hinlänglich bekannt, aus welchen Gründen dieſelbe eigens für Zimmermann geſchaffen worden ſei. Der Tod habe folglich auch die Stelle weggenommen. Ferner ſei ſie auch nicht nötig, indem ja ſeit 1817 Profeſſor Vogt Inhaber der hier wirklich in Betracht kommenden Profeſſur ſei. Der Mediziner Balſer beeilt ſich, dieſem Votum die Spitze abzubrechen und insbeſondere den etwaigen Beitritt anderer Votanten zu verhindern; er erklärt, daß bekanntlich die früher von Geheimerat Müller verſehene Stelle geteilt worden ſei, daß Profeſſor Vogt den pharmaceutiſchen, Profeſſor Zimmermann dagegen den rein chemiſchen Teil neben der Mineralogie übernommen habe. Ohne Zweifel hat dieſe Erklärung ihre Wirkung nicht verfehlt; fernerhin wurde der Lehrſtuhl für Chemie nicht mehr in Frage geſtellt. Die Verhandlungen ſelbſt wurden durch Liebig eingeleitet, inſofern er an den Landesherrn ein Geſuch um Verleihung des erledigten Ordinariates für Chemie richtete.

Während bei der im Jahr vorher erfolgten Ernennung Liebigs zum Extraordinarius die Uni⸗ verſität keine Gelegenheit zur Äußerung hatte, wurde ſie diesmal zur Berichterſtattung aufgefordert. War der jetzt eingeſchlagene Weg der ordnungsmäßig übliche, ſo darf doch auch angenommen werden, daß es dem hohen Schützer Liebigs, dem Großherzoge Ludwig I., und nicht minder auch ſeinen Beratern, zumal Schleiermacher, gewiß von beſonderem Intereſſe war, auch von der Univerſität nunmehr ein Urteil zu erhalten, nachdem bisher allein auf Kaſtners Empfehlung und Humboldts glänzendes, man darf ſagen, auch im Namen der großen Pariſer Chemiker und Phyſiker ausgeſtelltes Zeugnis entſchieden worden war.

Wie vor ſechs Jahren, ſo übernahm auch diesmal die Führung der Phyſiker Schmidt. Sein Gutachten erregt Intereſſe, gleichviel ob man es nur mit dem ſeinerzeit für Zimmermann erſteteten vergleicht, oder ob man es daraufhin prüft, wie ſich die Beurteilung Liebigs ſpäterhin als richtig erwieſen hat. Während Schmidt früher von den ſchönen Lehr⸗Erfolgen Zimmermanns ſpricht und bezüglich größerer wiſſenſchaftlicher Leiſtungen bei dem großen Fleiße und der Strebſamkeit des Bewerbers Hoffnung auf die Zukunft erweckt, ſpricht er ſich jetzt weſentlich beſtimmter aus:

Herr Profeſſor Liebig hat ſich während ſeines Aufenthaltes in Paris durch ſeine ſchwierige Unterſuchung des Knallſilbers und anderer fulminierender Salze einen wohlbegründeten Ruf als analytiſcher Chemiker erworben. Während ſeines hieſigen Aufent⸗ haltes hat er ſich bei ſeinen Zuhörern als ein ſeine Wiſſenſchaft klar vortragender Dozent beliebt gemacht. Das vaterländiſche Publikum insbeſondere kennt ihn aus ſeiner Analyſe der Salzhäuſer Sole. Seine neueſten Arbeiten über die cyanſauren Verbindungen werden mit nicht minderem Beifalle aufgenommen werden als ſeine früheren. Ein Mann, der in kurzer Zeit ſo viele Beweiſe ſeiner Geſchicklichkeit abgelegt und ſo viele Hoffnungen für die Zukunft erregt hat, der ſich überdies durch die Gnade unſeres, die Wiſſenſchaft ehrenden und liebenden Großherzogs für ſeine künftige Laufbahn vorbereitet hat, möchte auf jeden Fall einem von auswärts her zu berufenden Lehrer der Chemie vorzuziehen ſein. Ich trage daher auf die Unterſtützung ſeines unterthänigſten Geſuches an.

Dr. G. G. Schmidt.