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vom 1. Juni 1840 an Wöhler ſchreibt,„auf das große Publikum und auf die Regierungen zu wirken. Der Himmel gebe ſeinen Segen dazu und emanzipiere uns. Die Chemie ſtand bisher, den andern Fächern gegenüber, in einer ſonderbaren Lage, wir werden gewiſſermaßen als Eindringlinge betrachtet; allein dies ſoll ſich ändern, ſie ſoll neben oder über den andern ſtehen.“ Wöhler ant⸗ wortet:„Dein Aufſatz iſt vortrefflich geſchrieben, voller Wahrheiten und guter Ideen. Du haſt darin eine Menge von Dingen geſagt, die mir ſchon lange im Sinn herumgingen, ohne daß ich ihnen den klaren Ausdruck geben konnte, womit Du ſie zur Welt gebracht haſt. Aber Du haſt damit in ein gewaltiges Weſpenneſt geſtochen.“ Es war Liebigs Schickſal und Lebensaufgabe, in vielerlei Weſpen⸗ neſter zu ſtechen und die Art, wie dies geſchah, bedingt ſeinen Ruhm. Es iſt hauptſächlich Liebigs Verdienſt, daß die Chemie heute nicht allein bei den Leitern der Staaten im Anſehen ſteht, ſondern daß ſie auch von den Vertretern der reinen Geiſteswiſſenſchaften, wenn dieſer Ausdruck erlaubt iſt, mehr und mehr als Wiſſenſchaft anerkannt iſt, die neben den andern gleichberechtigt das Ziel der Wiſſenſchaft überhaupt, die Erkenntnis vom Weſen der Dinge, zu erreichen ſtrebt. Daß trotzdem auch jetzt noch dieſe Wiſſenſchaft im Verein mit den übrigen exakten und praktiſche Ziele verfolgenden Lehr⸗ fächern manchmal innerhalb der Univerſität nicht als ebenbürtig angeſehen wird, mag wohl vorkommen. Wenn aber dieſe Anſicht, weniger durch das Gewicht der Gründe, als durch die Anzahl der Stimmen in der Entſcheidung über die notwendigſten Lebensbedürfniſſe jener erakten Lehrfächer, ſiegreich war, ſo hatte ſtets die Univerſität ſelbſt den größten Schaden. Es kann vielleicht dieſer Gegenſatz zwiſchen den Vertretern der Wiſſenszweige an der Univerſität verglichen werden mit jenem, der ſich in den Schlag⸗ worten„Gymnaſium und Realſchule“ verdichtet. Zu allem dem kommt noch, daß bei einzelnen Gliedern der Univerſität die Aufgabe und der Zweck derſelben ſehr einſeitig darin erkannt wird, dem Staate ausreichend vorgebildete Beamte zu liefern. Auch bezüglich der Univerſität gilt teilweiſe Wallen⸗ ſteins Wort:„Eng iſt die Welt, und das Gehirn iſt weit. Leicht bei einander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume ſtoßen ſich die Sachen; wo Eines Platz nimmt, muß das Andre rücken.“ Es ſei hier an die im Kreiſe der Univerſität in der Mitte der ſechziger Jahre vielumkämpfte Frage der tech⸗ niſchen Aula erinnert und als minder bedeutende Streitfrage mag hier auch die Verhandlung über die Errichtung einer pharmaceutiſch⸗techniſchen Lehranſtalt berührt werden, welche von Liebig, Wernekinck und Umpfenbach im Jahre 1825 beantragt worden war. In einem der Gutachten ſtellt ein Mitglied des Senates den Grundſatz an die Spitze: Bekanntlich iſt es die Aufgabe der Univerſität, die künftigen Staatsdiener heranzubilden, folglich— lautet dann der Schluß— liegt ihr die Ausbildung der Apotheker, Seifenſieder, Bierbrauer, Likörfabrikanten, Färber, Eſſigſieder, Droguiſten und Spezereikrämer, obwohl die Wichtigkeit derſelben anzuerkennen ſei, gänzlich fern. Dieſe Schlußfolgerung wurde noch bekräftigt dadurch, daß es unmöglich ſei, die mit einer ganz ungenügenden allgemeinen Bildung verſehenen jungen Leute, welche eben noch Lehrlinge in ihren Geſchäften geweſen, als cives academicos zu immatrikulieren. Während der letztere Punkt zu breiten Erörterungen Ver⸗ anlaſſung gab, wird der erſte Beweggrund zunächſt wuchtig von Profeſſor Vogt abgethan. Bezüglich der Färber, Eſſigſieder, Droguiſten u. ſ. w., alſo aller jener, die für ihren ſpäteren Fabrikationsbetrieb Kenntniſſe in der allgemeinen und techniſchen Chemie bedürfen, habe er zu bemerken, daß es nach ſeiner Anſicht Zweck der Univerſität ſei, geiſtige Kultur allſeitig zu fördern, Bildung auszubreiten und damit dem materiellen Wohl zu nützen. Es ſei alſo die Aufgabe der Univerſität viel weiter zu ſtellen, als der vorgenannte Votant meine. Das in Frage geſtellte Inſtitut diene den allgemeinen Zwecken des Staates und damit auch der Univerſität. Aus dieſem Grunde ſei er auch dafür, daß die Zöglinge desſelben als ſolche der ganzen Univerſität zu betrachten ſeien und daß für ſie am Schluß des Kurſus


