Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte des chemischen Unterrichtes an der Universität Gießen : mit einem Plan / von G. Weihrich, Direktor des Großherzoglichen Realgymnasium und der Realschule in Gießen
Entstehung
[Giessen] [2018]
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Begutachlung ging es an die Adminiſtrations⸗Kommiſſion. Die Mitglieder derſelben wußten nicht recht, was ſie mit dem Geſuch machen ſollten, ſie waren ſehr überraſcht; ſie ſtimmten darin überein, daß man dem Kollegen gern jede Unterſtützung gönne, doch wären dringendere Bedürfniſſe zu befriedigen, zumal ſolange man nicht den Zweck der Reiſe kenne. Ehe noch die Abſtimmung fertig war, kam an die Univerſität zur Berichterſtattung das, an das Miniſterium anfangs Mai 1825 gerichtete und faſt noch kürzere, völlig unmotivierte Geſuch um Urlaub für das ganze Sommerſemeſter. Inzwiſchen mag wohl Zimmermann erfahren haben, daß das erſte Geſuch nicht befürwortet worden ſei; denn wieder ohne jede Grundangabe zog er dasſelbe in einer Zuſchrift an den Kanzler zurück. Unterdeſſen ging das zweite Geſuch zur ſchriftlichen Begutachtung bei den Mitgliedern des Senates herum. Jetzt weiß jedes Mitglied den Grund dieſes wie des vorigen Geſuches darin zu finden, daß(ſo ſteht in vielen Voten), wie ein glaubhaftes Gerücht ſage, Zimmermann in dieſem Sommer kein Kolleg zu Stande gebracht habe. Man merkt nun faſt allen Voten an, daß die Votanten zwiſchen einem kolle⸗ gialiſchen Mitgefühl und einer faſt pedantiſchen Gewiſſenhaftigkeit ſchwankten, die einzig nach dem In⸗ tereſſe der Univerſität entſcheiden will. Manche verlangen, Zimmermann ſolle zu den Akten geben, daß er kein Kolleg zu Stande gebracht, daß ſomit durch die Bewilligung eines Urlaubes die Univerſität keinen Schaden erleide. Geheimerat Crome fügt ſeiner Abſtimmung noch folgende Herzenserleichterung bei:Für eine ſo kleine Univerſität ſind zwei Profeſſoren für eine Hilfswiſſenſchaft wie die Chemie zu viel. Die Zahl der Zuhörer iſt ſo gering, daß ſelbſt im günſtigſten Fall die Koſten der Zubereitungen nicht herauskommen können. Es iſt daher ganz begreiflich, daß einer der beiden Profeſſoren keine Zuhörer bekommt, beſonders wenn man noch bedenkt, daß in dieſem Sommer keine neuen Kameraliſten immatrikuliert worden ſind. In Anbetracht deſſen muß es ſelbſtverſtändlich ſein, wenn derjenige Profeſſor, der keine Vorleſung zu Stande gebracht hat, verſtimmt und mißmutig wird.

Der Bericht, der die Urlaubserteilung befürwortet, ging am 13. Mai ab und unter dem 24. Mai wird für das laufende Sommerſemeſter der nachgeſuchte Urlaub erteilt. Ob der Urlaub zu einer Reiſe benützt wurde, konnte nicht feſtgeſtellt werden; verſchiedene Gründe ſprechen dafür, daß es nicht geſchah. Wie ſchon bemerkt, war Zimmermann ſeit dem 1. Januar auch Dekan. Ich fand in den Akten nirgends eine Andeutung, wer während jenes Urlaubs das Dekanat verſehen ſollte. Ein jeder Dekan führt bis zum heutigen Tage eine Art Tagebuch, in welchem die Amtshandlungen chrono⸗ logiſch eingetragen werden. Am Schluß des Jahres 1824 übergiebt Crome mit den üblichen Segens⸗ wünſchen das Dekanatsbuch ſeinem Nachfolger Zimmermann; von dieſem aber findet ſich nicht der geringſte Eintrag.

In der Feſtrede bei der Enthüllung des Liebig⸗Denkmals wurde geſagt:Liebig iſt nicht lange außerordentlicher Profeſſor geweſen. Schon nach wenig mehr als Jahresfriſt ſtarben die beiden ordent lichen Profeſſoren, von denen bislang Vorleſungen über Chemie und verwandte Fächer gehalten worden waren. Im Jahre 1825 ſtarben Blumhof und Zimmermann; von erſterem wurde ſchon bemerkt, daß er Extraordinarius war. Blumho f erkrankte an einer Lungenentzündung, die ihn am 19. Mai hinwegraffte. Über Zimmermann findet ſich im Sterbeprotokoll der Burgkirche folgende Todesnachricht:

Im Jahre 1825, am 19. Juli abends nach 7 Uhr iſt beim Baden in der Lahn ertrunken Herr Wilhelm Ludwig Zimmermann, Dr. und Profeſſor der Philo⸗ ſophie, alt 42 Jahre 9 Monate und 2 Tage und wurde beerdigt den 20. ejusdem abends um 7 Uhr, in Gegenwart des Unterpedellen Wagner, welcher mit dem Pfarrer dieſes Protokoll unterſchrieben hat.

Dr. Dieffenbach. Joſt Wagner.