Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte des chemischen Unterrichtes an der Universität Gießen : mit einem Plan / von G. Weihrich, Direktor des Großherzoglichen Realgymnasium und der Realschule in Gießen
Entstehung
[Giessen] [2018]
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So wie die welke Pflanze ſich in friſchem Waſſer aufrichtet, ſo wird auch das Leben des vegetierenden Metalles erfriſcht durch erneuten Zuguß von derſelben Solution, und wie die Pflanze zum Lichte aufſtrebt, ſo breitet auch jenes ſeine Zweige dem verwandten Körper freudig entgegen. Iſt die Flüſſigkeit dem Vertrocknen nahe, ſo erliſcht die plaſtiſche Kraft der Vegetationskette; die Äſte ſterben ab und verlieren durch ſchnellen üÜbergang ins Oxyde, allen Reiz ihres expanſiven Daſeins. Was aber den chemiſchen Prozeß erneut, erneut auch das Leben der Vegetation. Man kann, ſolange jene Bedingung ſtattfindet, ſelbſt die vegetativen Gebilde zerſtören und ſie werden aufs neue regenerieret u. ſ. w. Die hier geſchilderte Auffaſſung entſpricht der Schelling'ſchen Idee, der Natur einenunbewußten ſchöpferiſchen Geiſt beizulegen, die Thätigkeiten der Natur alſo alsunbewußte Geiſtesthätigkeiten anzuſehen. Man wird aber auch unwillkürlich an die Goethe'ſche Vorſtellung von der Natur als etwasWirkendem, Lebendigem, aus dem Ganzen in die Teile Strebenden erinnert, an den Glauben Goethes von den allmählichen Wandlungen wie der Erde, ſo auch der organiſchen Welt. Ein Einfluß Goethes kann auch ſchon aus einer Bemerkung in einer ſpäteren Schrift Zimmermanns entnommen werden, wo er von der Ermunterung ſpricht, die ihm Goethe mehrfach habe zu Teil werden laſſen.

Sofort nach dem Erſcheinen dieſer Schrift richtet Zimmermann(am 11. April 1811) an den Großherzog Ludwig I. unter Berufung auf ſeine mit Allerhöchſter Unterſtützung ermöglichten Pariſer Studien(1808) und ſeine fortdauernde Beſtrebung behufs Erweiterung ſeiner Kenntniſſe in der Naturkunde die unterthänigſte Bitte um die Verleihung einer außerordentlichen Profeſſur der Naturkunde.

Es kann hier nicht auf die hierüber eingeholten Gutachten der Senatsmitglieder eingegangen werden; es genüge die Bemerkung, daß die Univerſität den Antrag ſtellt, das Geſuch abzuweiſen und den Bittſteller zu bedeuten, er habe als Doktor der Philoſophie das Recht, Vorleſungen zu halten; hiervon möge er nur ausgiebigen Gebrauch machen und die Univerſität in die Lage verſetzen, ſeine Lehrthätigkeit zu beurteilen.

Den zuletzt erwähnten Rat ſcheint Zimmermann nicht befolgt zu haben; dagegen hat er außer ſeinem Unterricht am Pädagogium vor den Offizieren und Kadetten der hieſigen Garniſon etwa im Winter 1814/15 über Geographie, Geſchichte, Kameraliſtik, reine Mathematik u. a. Vorträge gehalten. Auf dieſe ſich berufend und auf die dabei erzielten Erfolge hinweiſend, kommt Zimmermann im Jahre 1815 da ihm vier Jahre vorher die Bewerbung um ein Extraordinariat fehlgeſchlagen war gleich um die Verleihung einer ordentlichen Profeſſur ein. Da hierbei ein beſtimmtes Fach nicht angegeben war, ſo gab dieſer Umſtand, wie es ſcheint, eine mehrfach willkommene Veranlaſſung zu höchſt charakteriſtiſchen Ab⸗ ſtimmungen, auf welche hin das Miniſterium die Bewilligung des Geſuches ablehnt.

Unterdeſſen arbeitet Zimmermann weiter; er beſchäftigt ſich mit Verſuchen über die Bildung von Schwefelmetallen unter Bedingungen, die wieder für ſeine experimentellen Methoden ſehr kenn⸗ zeichnend ſind. Die Ergebniſſe dieſer Verſuche veröffentlichte er in dem Oſterprogramm des Pädagogs im Jahre 1816. Die Abhandlung führt die Aufſchrift:Ueber eine neue Entſtehungsart mehrerer Metallothion⸗ und Hydrothionmetall⸗Arten entdeckt und unterſucht von Dr. W. Z. In einer An⸗ merkung zur Einleitung dieſer Abhandlung giebt er an, daß er unllängſt zwei Aufſätze veröffentlicht habe: 1) strena de crystallinis atmosphaerae praecipitationibus und 2) über die Spuren der irdiſchen Ringgebirge und Wallebenen, in welchen er nach ſeinen Angaben näher entwickelt habe,daß in den merkwürdigen Gürteln der Erdfläche, wo die Feuerberge ſich erheben, die Erdbeben herrſchen, die Luftſteine(Aörolithen) ſtürzen, wo durch ſtärkere Gewitter, Stürme, atmoſphäriſche Spannungen und Niederſchläge ſich das Spiel der elektriſchen Kräfte in ſteterem Umtrieb ergeht, auch die Hauptgruppen