Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte des chemischen Unterrichtes an der Universität Gießen : mit einem Plan / von G. Weihrich, Direktor des Großherzoglichen Realgymnasium und der Realschule in Gießen
Entstehung
[Giessen] [2018]
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und mediziniſchen Fakultät waren, die im Zeitraum von ſieben Jahren allmählich in ihrer Mehrzahl ſeine Fürſprecher wurden.

Aus mehrfachen Gründen iſt hier nicht der Ort, auf die Einzelheiten einzugehen; des Zu⸗ ſammenhanges wegen muß jedoch Folgendes erwähnt werden.

Nach den vorliegenden biographiſchen Notizen wurde Wilhelm Ludwig Zimmermann, Sohn des Superintendenten Heinrich Chriſtian Zimmermann zu Darmſtadt, von ſeinem Vater ge⸗ zwungen, Theologie zu ſtudieren, während ſeine Neigung ihn zur Naturviſſenſchaft trieb. Dieſe Neigung muß ihn ſchon frühe zum Sammeln von Naturgegenſtänden hingezogen haben, ſo daß mit Bezugnahme hierauf bei ſeiner ſpäter zu erwähnenden Bewerbung um eine akademiſche Lehrſtelle einige der hervor⸗ ragendſten Senatsmitglieder in ihren Voten bemerkten, daß, wenn dem Bewerber der Pfarrdienſt nicht zuſage, für ihn vielleicht die Stelle eines Muſeumsinſpektors ausfindig zu machen ſei. Seine Neigung wies ihn zunächſt an die Natur in ihrer Geſamtheit, es war vielleicht eine Art Naturſchwärmerei, ein phantaſievolles Haften an den umgebenden Phänomenen. Nach Beendigung ſeiner theologiſchen und philoſophiſchen Studien wurde er, da er auf eine Verwendung im Pfarrdienſt verzichtete, in einem Alter von 21 Jahren als 4. Pädagoglehrer angeſtellt. Einige Monate darnach, am 25. Dezember 1803, promovierte er zum Doktor der Philoſophie. Bei der ſpäter zu erwähnenden Veranlaſſung ſprechen ſich einige Profeſſoren, und zwar gerade ſolche, die in ihrer Eigenſchaft als Mitglieder der Pädagogkommiſſion zu der Beurteilung gewiß berechtigt waren, über ſeinen Eifer und Fleiß zwar ſehr anerkennend, über ſeine Lehrerfolge jedoch nicht günſtig aus. Er ſei dunkel, heißt es da, und ſeine Schüler verſtünden ihn nicht. Im Jahre 1808 erhielt er auf ſein Nachſuchen zur weiteren Ausbildung in den Naturwiſſenſchaften einen Urlaub und die erforderliche ſtaatliche Geldunterſtützung zu einem Aufenthalte in Paris. Ueber die dortigen Studien fand ſich nur die Bemerkung, daß Cuvier, der Begründer der vergleichenden Anatomie, ſein Lehrer geweſen ſei. Es läßt ſich aber doch wohl annehmen, daß er die großen Phyſiker und Chemiker wie Fourcroy, Vauquelin, Berthollet, Gay⸗ Luſſac, Thénard u. a. nicht vernachläſſigt hat.

Zu Oſtern 1811 veröffentlicht Zimmermann in dem Programm des hieſigen Pädagogiums eine 23 Seiten ſtarke Abhandlung:Einige merkwürdige, die Metallvegetation begleitende Phänomene beobachtet von Dr. W. Z., in welcher er ſich mit den eigentümlichen dendritiſchen Formen beſchäftigt, in welchen ſich Metalle aus ihren Salzlöſungen ausſcheiden, wenn andere Metalle in jene Löſungen eingetaucht werden. Die Verſuche ſtellt er nicht in der Weiſe an, wie wir ſie von dem Saturns⸗GBlei⸗) und Dianen⸗(Silber⸗) Baum kennen; er ſtreicht vielmehr die Salzlöſungen der ſogenannten Schwermetalle (wohl faſt alle damals bekannten) in dünner Schicht auf Platten aus den verſchiedenſten Stoffen. An verſchiedenen Stellen der Platten taucht er in die Flüſſigkeitsſchicht die Spitzen von Metalldrähten der allerverſchiedenſten Art und beobachtet die dabei erfolgende Metallausſcheidung. Als Beleg für die Stufe der experimentellen Forſchung ſei hier nur auf die Art hingewieſen, in der die Forderung, die Be⸗ dingungen des Verſuches möglichſt zu verändern, erfüllt worden iſt. Selbſtverſtändlich iſt es, daß die Wirkung möglichſt vieler Metalle auf möglichſt viele Salzlöſungen beobachtet und ſo auch bei dieſer Frage gleichſam eine Spannungsreihe aufgeſtellt wurde. Es berührt aber heute eigentümlich, zu erfahren, daß zu den Platten, welche die Salzlöſungen zu tragen hatten, verſchieden gefärbte Gläſer, Goslariſcher und Solfatara⸗Schwefel, Seife, verſchiedene Harze, Wachs, Talg, Elfenbein, Papier, Taffent, Kork, verſchiedene Holzſorten, Leder, Steinſalz, Alaun, Kupfervitriol, Borax, Tuch, rote und weiße Oblaten, Gips, Marmor, Baſalt, Asphalt, Holz⸗ und Steinkohle u. ſ. w. genommen wurden. Wie ſehr der Verfaſſer unter dem Bann der damals herrſchenden Richtung ſtand, dürfte z. B. aus folgender Stelle S. 12 hervorgehen: