Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte des chemischen Unterrichtes an der Universität Gießen : mit einem Plan / von G. Weihrich, Direktor des Großherzoglichen Realgymnasium und der Realschule in Gießen
Entstehung
[Giessen] [2018]
Einzelbild herunterladen

8

So wurde denn das Gartenhäuschen ausgebeſſert, die faulen Schwellen und Balken erneuert und mit einem Herde verſehen. In demſelben lehrten und arbeiteten Baumer und Müller; es diente als Laboratorium und Auditorium bis Ende 1824, wo es auf Antrag des damaligen Direktors des botaniſchen Gartens, Wilbrand, niedergelegt wurde. Baumer ſtarb im Jahre 1788 in einem Alter von 76 Jahren. Er mußte als Pfarrer in einem Alter von 30 Jahren ſeinen Pfarrdienſt wegen Blutſpeiens aufgeben. Um ſich heilen zu laſſen, ging er nach Halle und ſtudierte gleichzeitig Medizin. Als 36jähriger Mann promovierte er und wurde bald darauf als Profeſſor der Medizin an die damals kurmainziſche Univerſität Erfurt berufen; dort wirkte er 12 Jahre lang und folgte dann im Jahre 1764 einem Rufe an die hieſige Hochſchule. Mit Baumers Tod war auch zugleich die ökonomiſche Fakultät vollſtändig entſchlafen; denn ſchon ſeit deem Weggang Schlettweins 1785 beſtand ſie inſoferne nicht mehr, als die Hauptprofeſſur in Folge der langen Verhandlungen faſt 2 Jahre lang unbeſetzt blieb. Eingehend berichtet darüber der Nachfolger Schlettweins, Crome, in ſeiner Selbſtbiographie(Seite 140 f.). Er erzählte auch, daß nach ſeiner Ankunft die ökonomiſche Fakultät nicht wieder erweckt worden ſei; man habe vorgezogen, die Kameraliſtik als eine Sektion der philoſophiſchen Fakultät zu betrachten. So mag es auch gekommen ſein, daß man nach Baumers Tod keinen Grund einſah, ihm einen Nachfolger zu geben. Das Fach war ja, neben manchen andern, durch den Profeſſor der Medizin Müller ver⸗ treten. Nach dem Tode des 1815 durch den König Max Joſeph von Bayern geadelten Geheimerates Müller wurde als Nachfolger Profeſſor Vogt, der Vater Karl Vogts, im Jahre 1817 berufen. Vogt gab unzweifelhaft den Anſtoß, daß die Univerſität ſich mehr und mehr mit dem Gedanken ver⸗ traut machte, einen Vertreter der reinen Chemie zu berufen. Er verlangte für ſeine Zuhörer in der Pharmacie chemiſche Vorkenntniſſe, die zu geben er keine Zeit habe. Obwohl er neben der Pharmacie auch noch einige rein mediziniſche Fächer lehrte, ſo war er hiernach von dem Werte der Arbeitsteilung auch in wiſſenſchaftlichen Dingen überzeugt zu einer Zeit, wo noch manche ſeiner hieſigen Kollegen als Vertreter zum Teil ſehr heterogener Wiſſenſchaften prunkten. Vogt) gehört in erſter Linie mit zu jenen Profeſſoren, welche an der hieſigen Hochſchule nach und nach erfolgreich der Häufung der Lehr⸗ fächer entgegentraten, der Anerkennung einer immer weitergehenden Spezialiſierung die Wege bahnten.

2. Zimmermann.

Die Wiederbeſetzung des ſeit Baumers Tod 32 Jahre lang verwaiſten Lehrſtuhles der Chemie ging unter ſo eigentümlichen Verhältniſſen vor ſich, daß dem aufmerkſamen Leſer der darauf bezüglichen Akten ſich der Gedanke aufdrängt: entweder iſt unter dem Druck einer mächtigen Gönnerſchaft hier und in Darmſtadt die Mehrheit des akademiſchen Senats allmählich gefügig geworden oder die Mehrheit hat die unzweifelhaft vorhandene Gönnerſchaft benützt, um einen neuen Lehrſtuhl zu ſchaffen und um damit der erſtrebten Spezialiſierung Boden zu erobern. Doch iſt nicht ausgeſchloſſen, daß der Kandidat dieſer Profeſſur ſich in ſeinen naturwiſſenſchaftlichen Beſtrebungen nach und nach mehr konzentrierte und in Folge davon in Chemie und Mineralogie die Ausſicht auf größere Leiſtungen eröffnete. Hierbei mag gleich geſagt ſein, daß ſeine Hauptgegner gerade die ſachverſtändigſten Mitglieder der philoſophiſchen

¹) Es gereicht mir zur beſonderen Freude, in den folgenden Blättern ein wenn auch nur beſcheidenes Denkmal dieſem Manne ſetzen zu können, der in ſeiner Eigenſchaft als Gemeinderatsmitglied in den Jahren 1833, 34 und 35 in ſo hervorragender Weiſe ſich um die Gründung der Realſchule bei den Vorverhandlungen verdient gemach that.